War früher alles besser? Jedenfalls anders!

URLAUB ANNO DAZUMAL

von | 6. Juli 2016

Der Bürgermeister eilt zum Kapellmeister um eine Unterbrechung des Kirchtags-Konzerts auszuhandeln. Er müsse jetzt eine Gästeehrung vornehmen. Die Assistentin mit Blumen im Haar ist etwas nervös aber bereit, sie zupft noch einmal ihre Tracht zurecht – den samtenen Polster mit den aufgesteckten Ehrennadeln fest in ihren Händen. Etwas seitlich der Szene sind Urkunden und Blumensträuße hergerichtet.

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Gästen, die fünfmal oder noch öfter ins Tal gekommen sind, wird zum Dank offiziell eine Ehrennadel angesteckt. Bei denen, die zehn Mal da waren, spielt die Musikkapelle einen Tusch, bei den besonders treuen Urlaubsgästen mit 20 und mehr Urlaubsaufenthalten sogar einen doppelten Tusch. Doch die 20jährigen Jubiläen sind selten geworden. Wie fabelhaft die Natur hier ist, haucht der Bürgermeister mit bedeutungsschwerer und doch leidenschaftlicher Stimme ins Mikrophon. Wie wichtig der Stammgast für den hiesigen Tourismus. Und auch ein Lob für die Gastgeber wird nicht vergessen. So und so ähnlich spielt es sich in vielen Alpentälern ab.

Was für manchen Außenstehenden aufgesetzt wirken und an die Piefke-Saga erinnern mag, hat für viele Gäste und Gastgeber aber eine weit tiefere Dimension. Selbst in einem Tal und auf einem Bauernhof aufgewachsen, wo naturnaher Tourismus eine große Rolle spielt, stelle ich mir die Frage, was Menschen besonders in den 1970er und 80er Jahren dazu bewogen haben mag, so oft am selben Ort Urlaub zu machen. Heute ist dieses Modell zwar nicht vollkommen zurück gedrängt, aber doch stark rückläufig.

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Auf der Spurensuche gehe ich zunächst von meinen eigenen Motiven aus, die mich heute antreiben, irgendwo Urlaub zu machen, genauer ausgedrückt: hin zu reisen. Denn zu reisen bedeutet ja nicht gleich, Urlaub zu machen. Ich entdecke gerne neue Regionen, neue Kulturen. Und an manche dieser Orte kehre ich unregelmäßig aber immer mal wieder zurück. Wenn ich genau darüber nachdenke, so sind es meist meine Gastgeber oder andere Menschen, mit denen ich besonders herzliche Reiserlebnisse teile, die mich ein zweites und drittes Mal an den gleichen Ort hin ziehen und eine innere Bindung entstehen lassen.

Die digitale Revolution macht es möglich: Mit einigen alten Stammgästen, die auf dem Hof meiner Eltern Urlaub machten, bin ich über soziale Medien vernetzt. „Wie gern ich auf diesem Fleckchen Erde war“, twittert Christian aus Hamburg zu einem meiner Blog-Beiträge über das Lesachtal. Mit einem Augenzwinkern: Da hatte er offenbar den Urlaub 1978 ausgeblendet. Aus den Erzählungen meiner Geschwister weiß ich verlässlich, dass Christian angesichts der „Schmach von Cordoba“ heulend die Küche verließ, wo Gäste und Gastgeber zwischen Erstaunen und Ernüchterung das Länderspiel Deutschland gegen Österreich verfolgt hatten. Gerade vergangene Woche hat Christians betagte, mittlerweile fast blinde Mutter, die seit über 20 Jahren nicht mehr im Tal war, meine Mutter angerufen. Einfach so. Aus einer tieferen Verbundenheit heraus. Und ganz ohne soziale Medien.

Nun will ich es genauer wissen. Ich frage Helmut aus Grevenbroich, der mit seiner Familie achtmal auf dem Jöhrerhof auf Urlaub war. „Uns hat es damals immer wieder an denselben Ort gezogen, weil auf uns nette und gastfreundliche Menschen warteten. Wir brauchten uns nicht jedes Jahr an Neues zu gewöhnen und wußten ‚wo alles war‘. Der Ort gab uns für die Zeit des Urlaubs die Möglichkeit der totalen Entspannung; aber auch Feste feiern konnten wir. Einmal durften wir sogar als einziger Gast gemeinsam mit unserer Gastgeberfamilie das Weihnachtsfest feiern; familiärer ging es wohl nicht mehr, oder? Noch heute denken wir oft und sehr gerne an die acht Urlaube bei der gleichen Familie zurück. Wir hoffen, wenn wir bald Rentner sind, diese lieben Menschen noch mal wiedersehen zu können“, schreibt mir Helmut heute morgen.

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Helmut hat damit etwas sehr Treffendes gesagt. Meine Eltern als Gastgeber erwarteten wirklich sehnsüchtig alle unsere Gäste. Auch ich als Kind konnte es kaum erwarten, bis – wie alle Jahre – meine liebsten Spielkameraden wieder auf Sommerfrische zu uns kamen. Dann war wieder „Geisterstunde“ und „Versteckspiel im Heu“ angesagt. Es war selbstverständlich, dass die Gäste mit der Gastgeberfamilie am Küchentisch saßen und sich nach Feierabend ausgiebig austauschten. Ganz oft verschwamm da die Grenze: Unsere Gäste waren mehr als das, sie gehörten zu unserer Familie dazu.

War die Urlaubszeit vorüber, blieb man dennoch in regelmäßigem Kontakt. Man schrieb sich, tauschte Alltägliches, Persönliches und Neuigkeiten aus, manchmal brachen meine Eltern im Winter zu einer „Besuchstour“ nach Deutschland auf. Der Slogan „Urlaub bei Freunden“ war also keine bloße Floskel, mit der sich eine Region am touristischen Markt positionierte, sondern gelebter Alltag.

Die meisten meiner einstigen Spielkameraden kommen nicht mehr ins Lesachtal auf Urlaub. Denn Vieles hat sich seit dieser Zeit geändert. Vieles ist aber auch gleich geblieben. Man ist dem alten Leitsatz, nicht mehr Gästebetten zuzulassen als die Gemeinde Einwohner hat, treu geblieben. Der Qualität sei Dank.

Freundschaft und das aufrichtige, unermüdliche, über die Urlaubszeit hinaus währende Bemühen um einen Menschen kann man weder erzwingen noch vortäuschen.

HIER SCHREIBT

REGINA M. UNTERGUGGENBERGER

Regina wollte schon als kleines Kind Geschichten schreiben. Später, bereits tief im Berufsalltag einer Kommunikationsentwicklerin verankert, wollte sie unbedingt fotografieren. Heute macht sie beides. Sie erzählt Geschichten in Bild und Wort. Geschichten von besonderen Menschen, Plätzen und Begegnungen. Dabei legt sie stets Wert auf die innere Verbindung zu den Menschen, Landschaften und Dingen, die sie portraitiert.

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Das Gegenwärtige ist das Ewige, oder richtiger das Ewige ist das Gegenwärtige, und das Gegenwärtige ist das Erfüllte.

Søren Kierkegaard

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