Infrarot Fotografie
Infrarotfotografie mit der Fuji X100T

IM INFRAROT-RAUSCH

von | 14. März 2017

Conny befand sich vergangenes Jahr im Infrarot-Rausch. Im Beitrag When Green turns into White, den sie auf ihrem Blog veröffentlichte, zeigt sie eine Serie beeindruckender Bilder. Und wir dürfen mit dem nachstehenden Artikel ein wenig in die technischen Grundlagen hineinschnuppern. Vielen Dank, Conny, für das Bereitstellen dieses Beitrags!

Allgemeines zur Infrarotfotografie findet man z. B. in dem Buch „Digitale Infrarotfotografie“ von Cyrill Harnischmacher, kurz und knapp auf rosalinse.de, ausführlicher wird es auf Digitale Infrarotfotografie.de und auf matthiashaltenhof.de an vielen anderen Stellen im Netz erklärt, daher gehe ich darauf hier nicht noch einmal ein. Nur so viel: Will man mit einer normalen (nicht umgebauten) digitalen Kamera Infrarotaufnahmen erstellen, braucht man einen Infrarot-Sperrfilter. Am gängigsten ist der Hoya R 72, der auch noch Farbe durchlässt und somit je nach Geschmack Falschfarben- oder eine Schwarzweiß-Entwicklung möglich macht. Dieser Filter kam bei mir auch zum Einsatz, an der Fuji X100T, weil ich mir erhoffte, dass sich hier nicht das leidige Hotspot-Problem zeigt. Um es vorweg zu nehmen: Es zeigt sich nicht immer, aber oft, doch dazu weiter unten mehr.

Da der Infrarotfilter sehr dunkel ist, kommt man um längere Belichtungszeiten nicht umhin. Das bringt mitunter reizvolle Effekte ins Bild, so wird z. B. jede Wasseroberfläche glatt, was wir aus der Fotografie mit ND-Filtern kennen. Allerdings bringt jede Böe auch Äste in Bewegung und das kann, muss aber nicht schön aussehen. D. h. man braucht neben Sonnenschein auch ansonsten das passende Wetter für seine Bild-Idee. Hier ein Beispiel, bei dem das gleiche Motiv (nur in einer etwas anderen Einstellung) vollkommen gleich belichtet wurde:

 

Worauf muss man noch achten? Auf den Stand der Sonne, denn man sollte möglichst mit der Sonne fotografieren, nicht nur wegen des hier meist unerwünschten Gegenlichts, sondern weil dann der Himmel im Bild schwarz wirkt. D. h. es ist empfehlenswert, vormittags oder nachmittags zu fotografieren, auch, um kontrastreiche Schatten ins Bild zu bekommen. Das hängt aber auch ein bisschen vom Motiv ab. Zudem hat man morgens und abends das stärkere langwellige Licht.

Zur Praxis: Man kann aus allem eine Wissenschaft machen, aber ich gehe das eher intuitiv an. Erwähnt sei, dass ich in RAW fotografiere, sprich bezüglich des Weißabgleichs und der Belichtung in der Bildentwicklung Spielraum habe und mit der Fuji X100 T fotografiert habe.

  1. Ich setze den Weißabgleich (WB) mit aufgeschraubtem IR-Filter und einer Belichtungszeit von mind. 1 Sekunde auf von der Sonne angestrahltes Gras. (Die Zeit führt hier tatsächlich zu unterschiedlichen Ergebnissen.) Das gelingt mir mit dieser Kamera, im Gegensatz zu meinen in dieser Hinsicht sehr zickigen Nikons, völlig problemlos. Der korrekte WB ist aber nur dann relevant, wenn man Farbe im Bild haben möchte, bei s/w macht es keinen großen Unterschied und man kann dann auch den Auto-WB einstellen. Es funktioniert auch später im Bildbearbeitungsprogramm, wenn der WB auf ein grünes Blatt gesetzt wird, mehr oder weniger gut, allerdings muss man dann in RAW fotografieren, weil sich nur dann der WB später noch verändern lässt.
  2. Ich lasse mir eine s/w-Simulation auf dem Display anzeigen, was mir die Beurteilung des IR-Effektes und der Kontraste leichter macht.
  3. Um zu sehen, ob ein Motiv tauglich ist, gehe ich auf ISO 6400 bei Blende 2-4, was eine Belichtung aus der Hand möglich macht, aber auch das Rauschen erhöht, was manchmal Charme hat, aber nicht immer.
  4. Wenn mir das Ergebnis gefällt, baue ich mein Stativ auf und reduziere die ISO soweit wie möglich nach unten. Manchmal wird das knapp, da meine Kameras 30 Sekunden als längste Belichtungszeit anbieten. Dann kann man entweder mit der ISO etwas hochgehen oder aber man geht in den Bulb-Modus und belichtet manuell, am besten mit einem Fernauslöser. Das habe ich bisher aber nicht getan, da die Ergebnisse auch bei ISO 800 noch prima sind und ich ein wenig bequem bin. Die App (siehe Punkt 6) zu nutzen, wäre hier auch eine gute Alternative, so man unbedingt im niedrigen ISO-Bereich bleiben möchte.
  5. Die Blende ist natürlich abhängig vom Motiv und vom ISO-Wert. Im Live View kann man prima die richtige Belichtung wählen. Auch die Bildgestaltung ist kein Problem. Ist etwas schwer zu erkennen, erhöhe ich kurz über die Belichtungskorrektur die Belichtung, richte die Kamera aus, setze den Fokus und stelle anschließend wieder die normale Belichtung ein. Man braucht den Filter dazu nicht abbauen.
  6. Wenn ich bodennahe Aufnahmen oder solche aus niedrigem Aufnahmewinkel machen möchte, finde ich das WiFi und die Fuji-App mehr als hilfreich. Man verbindet die Kamera mit dem Smartphone und die App wird zum Display der Fuji. Hier kann ich alle Belichtungsparameter und den Fokus setzten und fernauslösen, wobei mir sogar die Restbelichtungszeit angezeigt wird. Wirklich sehr hilfreich.

Das war es schon. Es ist nicht schwierig!

Im Idealfall ist das Bild frei von jeglichen Hotspot-Erscheinungen und kann nach den Grundkorrekturen an Photoshop übergeben werden, um mit dem Kanalmixer die jeweiligen Werte der Rot- und Blaukanäle zu tauschen (Ausführlich auf Sommerfeld-net.de erläutert). Anschließend kann man in Lightroom ausgiebig mit jeglichen Farbreglern spielen, um seiner Vision eines Infrarot-Falschfarben-Bildes nahe zu kommen, hierbei gibt es kein richtig oder falsch (bzw. nur ein falsch):

 

Leider zeigt sich auf vielen Bildern ein sogenannter Hotspot, der eine Farbumwandlung sehr erschwert, wenn nicht gar unmöglich macht (in s/w im Gegensatz zur Nikon bei der Fuji kein Problem, dazu weiter unten mehr). Es gibt im Internet Listen, welche Objektive angeblich Hotspot-frei sind. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man diesen Listen nicht immer vertrauen kann. Mein 24-70mm Nikkor ist laut dieser Liste angeblich frei davon, in der Kombination mit meinen Kameras trifft das aber nicht immer zu. Hotspots sind lästige Reflexionen zwischen Sensor, Kamera und Objektiv und bei mir treten sie manchmal auf und manchmal nicht. Ob „mein“ Fuji X100T-Hotspot generell an diesen Kameras auftritt, kann ich nicht beschwören, aber ich nehme es an. Gegenlicht ist ein Faktor, den man vermeiden sollte, aber auch dann ist man nicht vor dem Hotspot sicher.

 

Bei solchen Bildern gebe ich auf und wandle sie auf meine Weise gleich in s/w-Bilder um. Mein üblicher Workflow findet ausschließlich in Lightroom statt, den Umweg über Photoshop spare ich mir:

  1. Objektiv- und Tonwertkorretur
  2. WB-Tonung ganz nach links ziehen, in dem Moment verschwindet der Hotspot nahezu immer
  3. Sättigung von orange und gelb rausnehmen, was das Bild nunmehr s/w aussehen lässt
  4. Luminanz von orange und gelb mit Gefühl hochziehen
  5. Anpassung der Tonwerte (hier Weiß, Tiefen, Kontraste)
  6. Anpassung einzelner Bereiche mit dem Pinsel oder dem Verlaufsfilter

 

Viele Wege führen zum Ziel und dies ist meiner. Ich bin auch schon gleich über die s/w-Funktion in Lightroom gegangen, aber mir erscheinen die Ergebnisse so klarer und kontrastreicher.

Nicht nur die Aufnahme und das Warten auf das richtige Licht dauert, die Bildentwicklung benötigt auch einiges an Zeit, dafür entstehen ungewöhnliche Bilder. Eine umgebaute Kamera erleichtert die Sache natürlich ungemein, aber dafür muss man mehr investieren, als in einen Filter. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich die Investition tätigen werde, da mich zur Zeit das wechselhafte Wetter sehr nervt und die IR-Bilder, die ich machen möchte, kann ich nur im Sommer machen.  Dafür reicht dann auch die Fuji.

 

Es muss nicht immer ein spektakuläres Motiv sein

HIER SCHREIBT

CONNY HILKER

Conny wurde ich den frühen Sechzigern in Hamburg geboren und lebt noch heute in dieser wundervollen Stadt. Ihr fotografisches Auge hat einen Hang zur Poesie; und ihr besonderes Interesse gilt der künstlerischen Fotografie. Im Auftragsbereich sind die Entwicklung von Bild-Ideen und deren Umsetzung sowie die Event-Fotografie ihre Stärken, wobei ihr ihre ruhige Beobachtungsgabe zugute kommt.

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To me, photography is an art of observation. It´s about finding something interesting in an ordinary place… I´ve found it has little to do with the things you see and everything to do with the way you see them.

Elliott Erwitt

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