Architekturfotografie
NACH EINER LITERARISCHEN VORLAGE VON INGE AUERBACHER

ICH BIN EIN STERN

von | 24. August 2017

PROLOG

Als Linzerin, wie sicherlich auch viele andere MitteleuropäerInnen, bin ich in meiner Heimatstadt oft mit einem sehr traurigen Kapitel im Leben meiner Eltern und Großeltern konfrontiert. Ein trauriges Kapitel, das zum Glück sein Ende vor mittlerweilen 72 Jahren fand. Meine Mutter kam in diesem Jahr zur Welt, mein Vater war zu Kriegsende ein Knirps von fünf Jahren.

Meine Großeltern mütterlicherseits waren damals Flüchtlinge. Vertriebene Deutsche aus dem Sudetenland, einer kleinen Ecke, die im heutigen Polen liegt. Zu Fuß wollten sie sich, mit einem Baby am Arm und hochschwanger, nach Österreich durchschlagen. Mama kam während einer Zwischenstation 1945 in einem Gefangenenlager, im heutigen Tschechien zur Welt. Die Endstation für meine Großeltern war damals allerdings Linz. Dort konnten sie sich mit den Jahren und dem wirtschaftlichen Aufschwung für ihre Kinder und sich ein glückliches Leben aufbauen.

Rückblickend gesehen, hatte meine Familie trotz aller Widrigkeiten damals großes Glück. Mehr als vielen andere Verfolgte und Vertriebene. Menschen, die nur aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder Ideologie zu Feinden abgestempelt wurden. Mit meiner Fotogeschichte möchte ich an die damalige Zeit erinnern. Menschen wachrütteln, damit so etwas Grauenhaftes nie mehr wieder passiert. Die Augen und Herzen öffnen, um Dinge zu erkennen, die derzeit in der Welt passieren.

Haben wir denn wirklich nicht dazugelernt?

ÜBER DIE AUTORIN INGE AUERBACHER

Am 9. November 1938, der so genannten »Reichspogromnacht«, wird Inge Auerbachers Großvater nach dem Morgengebet in der Synagoge verhaftet. Zusammen mit ihrem Vater, der im Ersten Weltkrieg schwer verwundet wurde und für seinen Einsatz das Eiserne Kreuz erhielt, werden beide ins Konzentrationslager Dachau gebracht und einige Wochen später wieder freigelassen.

Die Auerbachers wollen auswandern, verkaufen ihr Haus in Kippenheim und ziehen im Jahr 1939 zu den Großeltern nach Jebenhausen bei Göppingen. Wie fast alle württembergischen Kinder muss die Sechsjährige die jüdische Schule in der Hospitalstraße in Stuttgart besuchen und jeden Tag die weite Fahrt aus Göppingen auf sich nehmen.

Mit dem Beginn der Deportationen wird die jüdische Schule aufgelöst. Im Dezember 1941 wird Inge Auerbachers Großmutter nach Riga deportiert, ihr Haus wird enteignet und Inge Auerbacher mit ihren Eltern in ein »Judenhaus« nach Göppingen geschickt. Am 22. August 1942 wird die siebenjährige Inge mit ihren Eltern zum Sammelplatz in Göppingen gebracht und erhält die Transport-Nummer XIII-1-408. Zwei weitere Nächte werden sie in der Sammelhalle am Stuttgarter Killesberg interniert und zwei Tage später nach Theresienstadt deportiert. In ihrer Autobiographie »Ich bin ein Stern« erzählt Inge Auerbacher von der schrecklichen Zeit im Lager, von der Verzweiflung und der ständigen Angst.

Am 8. Mai 1945 werden die Überlebenden in Theresienstadt von der sowjetischen Armee befreit. Inge Auerbacher wird zusammen mit ihren Eltern zwei Monate später nach Stuttgart zurückgebracht. Sie hat ihre Großmutter und dreizehn Familienangehörige im Holocaust verloren.

Im Mai 1946 emigrieren die Eltern mit ihrer Tochter nach New York, wo Inge Auerbacher heute noch lebt. Auf Einladung der Stadt besucht sie im Jahre 2001 Stuttgart und lernt Garry Fabian kennen, der als Kind ebenfalls in Theresienstadt interniert war. Sie war bis zu ihrer Begegnung davon ausgegangen, das einzige Kind aus Württemberg zu sein, das im Konzentrationslager Theresienstadt überlebt hat.

2005 wird Inge Auerbacher die Ehrendoktorwürde der Long Island University für ihre in mehrere Sprachen übersetzten Erinnerungen »Ich bin ein Stern« verliehen.

Quellen

www.zeichen-der-erinnerung.org

 

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DORIS REINTHALER

Als ausgebildete Grafikerin hat Doris, mit der Kamera in der Hand, die beste Möglichkeit ihre Kreativität auszuleben und in Neues einzutauchen. Die Fotografie ist für sie eine Art Sprache. Ein Mittel der visuellen Kommunikation. Neugierde – Offenheit – Lernen – Sehen – Aufzeigen – Einlassen auf Neues. Das ist ihr wichtig.

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Lebendige Fotografie lässt Neues entstehen, sie zerstört niemals. Sie verkündet die Würde des Menschen. Lebendige Fotografie ist bereits positiv in ihren Anfängen, sie singt ein Loblied auf das Leben.

Berenice Abbot

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