Kunst im öffentlichen Raum  I  Christo

Ein Besuch bei den Floating Piers am Iseosee

von | 10. August 2016

„Hallo Klaus, du hast sicher schon von den Floating Piers gehört. Das aktuelle Projekt von Christo am Iseosee. Ich möchte am Wochenende hinfahren und denke mir, dass es dich wahrscheinlich auch interessiert. So schnell wird Christo sicherlich nicht mehr in unserer Nähe eine seiner Installationen realisieren. Wer weiß, ob es überhaupt noch eine geben wird. So jung ist der ja auch nicht mehr!“.

Der Anruf meines Schwagers Markus reißt mich abrupt und überraschend aus dem Arbeitsalltag. Während ich versuche, im Kopf die Begriffe Christo, Floating Piers, Iseosee zu ordnen  und mit diesem  Wochenende in Einklang zu bringen, setzt er nach und sagt: „Das Projekt ist nur noch bis zum kommenden Sonntag zu besichtigen und es sind ja nur rund vier Autostunden.“  Eigentlich hat er Recht, und es spricht nichts dagegen, denke ich mir. Also sage ich spontan zu.

Floating Piers nennt der 81jährige Christo seine Installation, die er im Iseosee nach zwei Jahren Vorbereitung realisiert hat. Dabei wurden 220.000 extra für diesen Zweck gefertigte Plastikkanister zu schwimmenden Stegen zusammengebaut und mit einem orangegelben Stoff überzogen. Auf diesen 16 m breiten und 3,5 km langen Stegen konnten die Besucher vom Ort Sulzano am Ostufer die beiden Inseln Monte Isola und San Paolo zu Fuß erreichen. 16 Tage lang konnte man die Floating Piers Tag und Nacht kostenlos begehen bzw. erleben. Rund 1,3 Mio. Besucher nutzten diese einmalige und besondere Gelegenheit über den See zu wandern. Man hatte tatsächlich das erhebende Gefühl, direkt am Wasser zu gehen, weil sich die Stege mit dem Wasser bewegten, keine  Geländer vorhanden waren, der Rand übergangslos im See verschwand und der Untergrund beim Gehen nachgab.

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Das Besondere an Christos Werken ist deren Größe und Vergänglichkeit. Um sie zu erfassen, muss man sie mit allen Sinnen zu einer bestimmten Zeit erleben, wodurch man selbst auch zu einem Teil des Kunstwerkes wird. Als Besucher spürt man, dass man Teil von etwas Besonderem ist. Jeder begegnet diesem Gefühl auf seine Art: die Einen spazieren vor sich hin, die Anderen versuchen am äußersten Ende der Stege trotz der vielen Besucher ein ruhiges Plätzchen zum Ausspannen zu erwischen, Selfies im Liegen, Sitzen, Springen, etc. werden gemacht und ich habe versucht, mich durch das Fotografieren mit den Floating Piers auseinanderzusetzen.

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Wir verbrachten einen ganz Tag auf den Floating Piers, gingen die Stege in beiden Richtungen mit und ohne Schuhen, sahen, wie das Licht im Laufe des Tages die Erscheinung ändert, nutzten das nahe Wasser, um Hände, Füße und Kopf zu kühlen und beklatschten Christo, als er mit einem Boot entlang der Piers gefahren ist. Insgesamt eine sehr außergewöhnliche und positive Kunsterfahrung.

Habt Ihr auch schon ähnliche Erfahrungen gemacht?

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KLAUS SPIELMANN

Als ausgebildeter Geograf und Geoinformatiker beschäftigt sich Klaus insbesondere mit räumlichen Phänomenen. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um natürliche, durch den Menschen gestaltete oder auch virtuelle Räume handelt, auf die er sich als Geograf, Raumplaner, Geoanalytiker, Kartograf oder Fotograf einlässt.

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Man sieht oft etwas hundert Mal, tausend Mal, ehe man es zum allerersten Mal wirklich sieht.

Christian Morgenstern

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