Marokko
GESCHLECHTERROLLEN IN MAROKKO

VON MÄNNERN FÜR MÄNNER

von | 30. September 2015

Ich fläze mich zu Abdoul, Muhammad und deren Nachbar auf den Teppich, den sie vor der Hütte in den weichen, noch warmen Wüstensand gelegt haben. Sie trommeln, sie singen unter den Sternen, die wie Diamanten am dunkelblauen Himmel funkeln. Mal unterhalten wir uns, mal schweigen wir für längere Zeit … ohne, dass ich die eintretende Stille als unangenehm oder bedrohlich empfinde, wie es während eines Gesprächs unter Europäern womöglich der Fall wäre.

Nach einer Weile durchbreche ich das Schweigen und erkundige mich, ob es Zufall sei, dass ich bisher mit keiner einzigen marokkanischen Frau tiefer ins Gespräch gekommen sei. Nur einmal, im Bus von Marrakesch nach Zagora, war es zu einer unbeholfenen Kommunikation mit meiner jungen Sitznachbarin gekommen. Sie war geschätzt Anfang 20, hatte haßelnussbraune Augen und trug eine traditionelle Dschellaba (langes, fließendes Gewand mit Kapuze). Ihr üppiges dunkles Haar floss über die Schultern, und sie verhüllte es nicht. Mit einem breiten Lächeln und unter Einsatz von Händen und Füßen verständigten wir uns darauf, ihre Chips und meine Cola zu teilen. Es blieb aber bei diesen freundlichen und offenen Gesten, da wir keine gemeinsame Sprache fanden.

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Bildung – (k)eine Selbstverständlichkeit?

Eher sei es wohl kein Zufall, erklärt mir Abdoul. Viele Mädchen würden gar nicht erst zur Schule geschickt, da sie zuhause als Arbeitskraft gut zu gebrauchen sind. Und Jene, die zur Schule gehen, lernen Arabisch und Französisch, aber kaum Englisch. Meine Recherche ergibt, je nach zu Rate gezogener Quelle, eine Analphabetenrate zwischen 30 und 60% … wobei sie bei Frauen ungleich höher ist als bei Männern.

Abdoul und Muhammad, beide Ende 20, sind die jeweils ältesten Söhne in ihren kinderreichen Familien, die seit jeher Nomaden waren und erst in dieser Generation in Tagounite bzw. M’Hamid sesshaft geworden waren. Als Kameltreiber, Köche und Gastgeber in der kleinen Siedlung mitten in den Dünen sorgen sie zu einem großen Teil für das Familieneinkommen, sichern damit auch den Schulbesuch der Geschwister. Und, darauf legen beide sehr großen Wert, sie sind in der Nähe ihrer Familien und helfen den jüngeren Geschwistern, die sie etwa einmal pro Woche besuchen, mit den Hausaufgaben. „Inshallah“, wenn Gott will, werden alle Geschwister, auch die Mädchen, die Schulausbildung abschließen, seufzt Abdoul zufrieden.

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Michaela, eine Österreicherin, die in Marrakesch lebt, erklärt mir, am Land sei das durchaus noch so üblich. In der Stadt sei hingegen Veränderung zu spüren. Alle sieben Geschwister in ihrer marokkanischen Familie, die aus Ouarzazate stammt, haben maturiert, sechs davon studieren. Deren Mutter sei Analphabetin, der Vater Automechaniker, sie konnten ihren Kindern bei den Schulaufgaben also nie wirklich helfen. Mittlerweile sind mehr junge Frauen als Männer an den Universitäten eingeschrieben und erzielen auch die größeren Erfolge. Marokko hat eine der weltweit höchsten Akademikerinnenraten zu Buche stehen.

Dies vermag aber nur auf den ersten Blick darüber hinweg zu täuschen, dass selbst die liberaleren Marokkaner tief in ihren patriarchalisch-chauvinistisch geprägten Denkweisen und Strukturen verwurzelt sind. „Es ist egal, ob du Hausfrau oder Ministerin bist, dein Mann bestimmt, was gemacht wird. Selbst wenn du als Ministerin ausreisen willst, muss dein Mann unterschreiben, dass er einverstanden ist“, bringt es Michaela auf den Punkt.

Weiblicher Alltag in einem patriarchalisch-chauvinistischen System

Wenn man als blonde, weißhäutige Europäerin in ein arabisch geprägtes Land reist, macht man sich so seine Gedanken zur Rolle der Frau in dieser Kultur. Zusammen mit den eigenen Erfahrungen und vielen Gesprächen zeigen sich unendlich viele Facetten dieser Thematik.

Da gibt es zunächst mal den Koran, der ganz wunderbar in alle möglichen Richtungen interpretiert werden kann. Selbst in Amazon-Buchbewertungen zu einem Reiseführer entspinnen sich ausladende theologische Diskussionen über den „wahren“ Islam, weil die Suren verdammt viel Spielraum in der Auslegung lassen. Die Konservativen und Fundamentalen interpretieren beispielsweise eine Sure so, dass der Mann über der Frau stünde und Verfügungsgewalt über sie habe. Andere halten dem entgegen, „über der Frau stehen“ sei unglücklich formuliert, viel mehr müsse man es als „für sie verantwortlich sein“ verstehen.

Immer wieder gab und gibt es Frauen, die im öffentlichen Leben Marokkos Verantwortung übernehmen. Sie alle waren und sind gläubige Musliminnen, die ihre religiösen, traditionellen Wertvorstellungen und die beruflichen Aufgaben nicht in Widerspruch sehen. Moderne, gläubige Feministinnen sowie zahlreiche männliche Islamwissenschaftler kommen aufgrund der mannigfaltigen Interpretierbarkeit des Koran zu folgender Erkenntnis: Unterdrückung und Ausschluss der Frauen aus dem öffentlichen Leben lassen sich nicht durch den Islam rechtfertigen, sondern sind viel mehr ein Konstrukt von Männern für Männer. Das Ziel, eh klar, ist Machterhalt. Auch in der westlichen Welt haben die meisten Männer eher verhalten gejubelt und frohlockt, als die Frauenbewegung in Fahrt kam beziehungsweise sich das Rollenbild der Frau zu verändern begann.

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Immerhin ist Marokko das erste islamische Land, in dem die vollkommene Gleichberechtigung von Mann und Frau 2004 per Gesetz verankert wurde. Dass der Alltag der Frau dadurch aber nicht von heute auf morgen rosarot ist, versteht sich von selbst. Dabei geht es weniger um die vielen Frauen, die voll in ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter aufgehen, sich hinter dem Schleier geborgen und keineswegs unterdrückt fühlen, im Gegensatz dazu uns Europäerinnen bemitleiden, weil wir in ihren Augen keine Sicherheit im Leben haben. Es geht vielmehr um jene wachsende Anzahl von Frauen, die sich von der Gesellschaft, in der sie leben, ob der vielen Doppelbödigkeiten verraten fühlen. Denn praktisch wird die Gesetzgebung ähnlich flexibel ausgelegt wie der Koran … tendenziell zu Lasten der Frauen.

Ein Gesetz allein reicht eben nicht aus, die Strukturen und Denkweisen umzukrempeln. Bis die Gleichberechtigung der Frau in den Köpfen angekommen ist, wird wohl noch viel Zeit vergehen. Andererseits: Es ist ja nicht so, als sei in Sachen Gleichberechtigung in good old Austria alles eitel Wonne. Auch hierzulande sind die Rollenvorstellungen von Mann und Frau in stetiger Bewegung und Veränderung.

Als Touristin in der orientalischen Welt

Für Kenner der arabischen Welt ist es nichts Neues: Als allein reisende, blonde Frau gelte ich bei vielen Marokkanern zunächst per se als europäische Schlampe. Kaufe ich an ihrem Stand nichts ein, wird mir das oft auch unverhohlen hinterher gebrüllt. Das hat einerseits mit den geschilderten, seit Jahrhunderten verinnerlichten patriarchal-chauvinistischen Denkmustern zu tun. Andererseits aber auch mit der Unwissenheit bzw. Ignoranz europäischer Frauen, die leicht gekleidet (Bauch frei, Schultern frei, Knie frei, Shirt bis zu den Brustwarzen ausgeschnitten) durch Marokko fuhrwerken und proaktiv auf den nächstbesten Flirt einsteigen. An Gelegenheiten dazu mangelt es nicht. Und an täuschend echtem, romantischem Charme sowie einer fesselnden Ausstrahlung marokkanischer Männer auch nicht.

Eine Beziehung zu einer Europäerin gilt für viele junge Marokkaner als „Fahrschein in den Westen“. Bezness, ein Kunstwort, das sich aus Beziehung und Business zusammensetzt, heißt dieser Geschäftszweig, der darauf abzielt, Europäerinnen aufzureißen, eine Beziehung anzubahnen und so über kurz oder lang für das eigene Einkommen und das der marokkanischen Familie zu sorgen. So ergibt sich eins zum andern.

Zurück in meinem komfortablen, europäischen Leben. Niemand sucht sich aus, wann und wo er geboren wird. Mir ist bewusst: Boahh, hatte ich Schwein! Denn auch, wenn es mir heute selbstverständlich erscheint – als Bergbauerntochter in einem abgelegenen Tal geboren – zwei akademische Studien abgeschlossen zu haben, ein gutes und selbstbestimmtes Leben zu führen, weiß ich, dass es bei Weitem nicht so selbstverständlich ist.

REGINA M. UNTERGUGGENBERGER

Regina wollte schon als kleines Kind Geschichten schreiben. Später, bereits tief im Berufsalltag einer Kommunikationsentwicklerin verankert, wollte sie unbedingt fotografieren. Heute macht sie beides. Sie erzählt Geschichten in Bild und Wort. Geschichten von besonderen Menschen, Plätzen und Begegnungen. Dabei legt sie stets Wert auf die innere Verbindung zu den Menschen, Landschaften und Dingen, die sie portraitiert.

3 Kommentare

  1. Liebe Regina, Feuer am Dach hin oder her, bin ganz eingetaucht in deinen Reisebericht. Herzlichen Dank dafür.
    Wunderbar geschrieben! Jetzt weiß ich warum du Schreiben und Fotografieren verbindest … und warum beides zusammen ein Kunstwerk ergibt.

  2. Liebe Manuela, vielen Dank für den Blumenstrauß. Ich kann gar nicht rational erklären, warum ich Schreiben und Fotografieren verbinde. Es kommt so aus dem Bauch heraus, dass wenn ich schreibe automatisch die Bilder dazu denke und wenn ich fotografiere schon im Kopf den Text dazu schreibe. Und obwohl ich der fotografischen Passion ja erst in meinen letzten Lebensjahren intensiv nachgehe, scheint es selbstverständlich … als sei es immer schon so gewesen :-).

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