SICH EIN MOTIV ERARBEITEN

ÄUSSERE UND INNERE LANDSCHAFTEN

von | 2. November 2015

Vor einer Woche hatte es geschneit. Nicht in den tiefen Tallagen. Die Berge aber waren mit einer deutlichen Schneeschicht angezuckert. Ich erwartete nicht, noch irgendeine Menschenseele zu treffen, als ich an einem späten Oktobersonntag zu den Drei Zinnen nach Südtirol fuhr, um dieses Landschaftsmotiv im zeitlichen Kontext zu fotografieren.

Es gibt Dinge um uns herum, die uns stärker beeindrucken als andere. Superlative wirken auf viele Menschen besonders anziehend. So ist es eine Art Statussymbol geworden, die tiefste Schlucht, den blauesten See, den berühmtesten Flügelaltar zu bewundern, im angesagtesten Restaurant der Stadt zu schlemmen, den höchsten Berg eines Landes zu erklimmen und auf dem spektakulärsten Fluss zu raften.

Ich nehme mich da selbst gar nicht ganz aus, denn wenn ich reise und neue Gegenden erkunde, lasse ich mich zunächst auch eine Weile von gut eingegangenen Pfaden leiten, bevor ich mich sicher genug fühle, links oder rechts auszuscheren, querfeldein zu gehen und Erfahrungen zu machen, die sich etwas abseits vom üblichen Getriebe abspielen.

Es ist natürlich legitim, eine Gegend und deren Sehenswürdigkeiten im Stil einer To-Do-Liste abzuarbeiten. So oder so ähnlich spielt es sich tagein tagaus beim Stephansdom in Wien, beim Eiffelturm in Paris, rund um Großglockner in Osttirol oder den Pragser Wildsee und die Drei Zinnen in Südtirol ab.

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Als ich morgens, bald nach Sonnenaufgang, bei der Auronzohütte (Rifugio Auronzo) ankomme, sind dort nur ein paar einzelne Frühaufsteher zu Gange, die sich von den Temperaturen um den Gefrierpunkt nicht abschrecken lassen. Ich wundere mich noch, warum der Schnee platt getreten und eisig ist. Kaum streichelt aber die Sonne über die Gipfel und Hänge, wuseln massenweise Menschen herum, die mich zwar nicht das Fürchten, aber doch das Grausen lehren. Denn in einer beschaulicheren Bergwelt aufgewachsen, bin ich nicht daran gewöhnt, von einer Horde schnatternder Wanderer quasi bergwärts geschoben zu werden. In dieser Atmosphäre fällt es mir schwer, meine innere Landschaft in einem Bild der äußeren Wirklichkeit darzustellen, mir das Motiv Drei Zinnen fotografisch zu erarbeiten.

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Für mich selbst entsteht nur dann ein tiefer und bleibender Eindruck in meinem Wesen, wenn ich die Dinge unmittelbar erfahre und mit ihnen verschmelze, sie dann aus diesem Zustand heraus erlebe und begreife.

Es war schon spät am Nachmittag, als Ruhe einkehrte – am Berg und in mir selbst. Ich hatte Stunden unweit der Dreizinnenhütte ausgeharrt, um den zeitlichen Verlauf meines Motivs einzufangen. Dichte Wolken waren rasch aufgezogen, und ich fragte mich, ob es sich wohl auszahlte, noch weitere zwei oder drei Stunden abzuwarten? Ich hatte so meine Zweifel daran.

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Dass es wegen der Wolken wohl kein Sternspurenfoto geben würde, damit hatte ich mich schließlich abgefunden gehabt, als endlich die blaue Stunde anbrach.

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Blaue Stunde ist Action-Time. Und nun kam mir jemand zu Hilfe, den ich in meine Überlegungen gar nicht mit einbezogen hatte, nämlich der Mond, der sich heimlich hinter den umher ziehenden Wolken über den Horizont geschlichen hatte. So kam ich am Ende doch noch zu einer kleinen, runden Bilderserie der Drei Zinnen im Verlauf eines halben Tages.

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Am Vormittag und Nachmittag war ich noch überzeugt davon gewesen, dass dieses Motiv eine Fehlentscheidung gewesen sei, weil ich keine wirkliche Resonanz gespürt hatte und meine innere Landschaft nicht in Bilder übersetzen konnte. Und ich verstand in dem Augenblick all Jene, die Hotspots wie die Drei Zinnen oder den Großglockner deshalb meiden wie der Teufel das Weihwasser. Massentourismus ist der Begriff, der dabei am häufigsten fällt.

Nun können aber weder die Drei Zinnen noch der Großglockner in ihrer Ästhetik etwas dafür, dass sie touristisch vermarktet werden und massenhaft Menschen anziehen. Bedenken wir, dass die Menschen in einer Region auch von etwas leben müssen, ist das bis zu einem gewissen Grad sogar sehr sinnvoll.

Wenn man warten kann, auf das richtige Licht, die richtige Tageszeit, die richtige Jahreszeit, dann wird man auch zu berühmten Orten und Landschaften eine innere Verbindung herstellen können und kraftvolle Bilder machen.

Nachsatz: Oft lasse ich mir Motive entgehen, weil ich gedanklich woanders bin oder die Kamera einfach nicht mehr aus dem Rucksack holen will. Als ich mich vor Kälte bibbernd auf den Rückweg zur Auronzohütte mache, hole ich die Kamera aber doch noch einmal hervor. Diese Stimmung am Fuß des Paternkofels, so denke ich in dem Augenblick, wird mir so bald nicht mehr vor die Linse kommen. Für ein gutes Foto muss man eben auch was tun …

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HIER SCHREIBT

REGINA M. UNTERGUGGENBERGER

Regina wollte schon als kleines Kind Geschichten schreiben. Später, bereits tief im Berufsalltag einer Kommunikationsentwicklerin verankert, wollte sie unbedingt fotografieren. Heute macht sie beides. Sie erzählt Geschichten in Bild und Wort. Geschichten von besonderen Menschen, Plätzen und Begegnungen. Dabei legt sie stets Wert auf die innere Verbindung zu den Menschen, Landschaften und Dingen, die sie portraitiert.

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Für die Kunst gilt, dass man nicht erreichen kann, was man nicht empfunden hat.

Gustie Herrigel

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