seelegrafieren
Ein kunterbunter Haufen wird zur Gruppe 43

ALLES BEGANN AN DER PRAGER FOTOSCHULE ÖSTERREICH

von | 12. November 2014

Es ist ein schwüler Frühlingstag im Mai 2012, als ein Haufen aufgekratzter Studienanfänger kreuz und quer über das Gelände von Schloss Weinberg hetzt und sich ständig in irgendeinem der unzähligen verschachtelten Gänge verirrt. Sie alle wirken atemlos und irgendwie überfordert, der baumlange Polizist, der Fundraiser mit Dreadlocks und Bart, die Hebamme, die elegante Dame, die im Zivilberuf Schneekanonen verkauft, die Stewardess, der Reiseblogger, die rotblonde Grafikerin und der schon etwas grau melierte Geoinformatiker.

Neugierig sind sie aus allen Himmelsrichtungen nach Kefermarkt geströmt, einem 2000-Seelen-Ort im oberösterreichischen Mühlviertel.  Seit 1996 führt das Euregio Foto College hier einen regelmäßigen Studienbetrieb basierend auf dem Grundprinzip der Prager Fotoschule Österreich durch, dessen Schwerpunkt ein viersemestriger Lehrgang für angewandte und künstlerische Fotografie ist, der gegebenenfalls noch mit einem Diplomsemester ergänzt werden kann.

Hat man endlich die notwendigen Unterlagen beisammen, verwirrt aber fesch in die Kamera gelächelt um der schriftlichen Anmeldung ein Gesicht zu geben, wird man zu zweit zum Kreuzverhör gebeten. Der schon erwähnte Jungspunt mit Dreadlocks und Bart zupft nervös sein Sakko zurecht, um einen seriösen Eindruck auf die „Jury“ zu machen. „Ich bin hier komplett fehl am Platz“, denkt er sich in diesem Augenblick, wie er Monate später beiläufig erwähnt. Und als die Fragen nach fotografischen Vorkenntnissen beantwortet, die Datenblätter zur technischen Ausrüstung ausfüllt sind, teilt die „Jury“ die Aspiranten schließlich in Kleingruppen von „Canonianern“ und „Nikonianern“ ein.

Am ersten Abend bemüht man sich nach Unterrichtsschluss in der Schlossbrauerei um Small-Talk. Man lotet – abgesehen von der Fotografie – gemeinsame Interessen und Themen aus. Dieser Abend ist sowas wie ein Blind-Date unter fotografiebegeisterten aber ansonsten völlig verschiedenen Menschen. Lassen wir den Beruf und die regionale Herkunft mal außen vor: Da gibt es Netzwerker, aktive und passive Zuhörer, Klugscheißer, Realisten und Träumer, Temperamentvolle, Zurückgezogene, Einige, die etwas Anlaufzeit brauchen, um sich einer vertrauten Gesprächsatmosphäre zu öffnen, Andere, die das Handtuch schmeißen und die Ausbildung abbrechen.

img_3884-Prager Fotoschule

Viele intensive, fordernde Bildbesprechungen und Galeriegespräche lassen diesen bunten Haufen als Gruppe zusammenwachsen. Und fast wie nebenbei teilen sie auf einmal nicht mehr nur ihre Begeisterung für Fotografie, sondern auch viele Geschichten, die das Leben halt so ausmachen, berufliche Projekte, Dissertationen, Arbeitsplatzverlust, Schwangerschaften, Kindererziehung, Trennungen, Abschiede, Krankheit, Pflege von Familienmitgliedern; Freude, Trauer, Ärger.

„Zu bleiben, war eine extrem gute Entscheidung“, stellt der Werber fest, während er zufrieden seinen Bart krault. Trotz sehr guter Lehrveranstaltungen bleibt der eigentliche Gewinn dieses Lehrgangs die Gruppe 43. Sie gibt fachlich kompetentes und kultiviertes Feedback rund um das Thema Fotografie. Die unterschiedlichen Charaktere, persönlichen und beruflichen Hintergründe inspirieren die eigene Arbeit. Und so wollen wir nach Ende unserer Ausbildung – in alle Winde verstreut – zumindest hin und wieder seelegrafieren …

6 Kommentare

  1. Hallo, da mich Gottfried mal wieder auf die Details im Mail aufmerksam gemacht hat, habe ich den Blog auch gefunden, tolle Idee, Danke für die Arbeit die ihr euch gemacht habe und da ich scheinbar der Erste im neuen Jahr bin, Prosit Neujahr 2015 an den JG 43

  2. Ein ganz herzliches Danke für diesen tollen Blog – dadurch können wir jetzt unsere Galeriegespräche „im Netz“ abhalten und sind nicht an Ort und Zeit gebunden!!! Wirklich eine tolle Idee und auch visuell finde ich die Umsetzung sehr gelungen!

  3. darf ich daraus schließen, dass du auch hier und da einen beitrag schreiben wirst?

  4. Einige Erinnerungen an diesen ersten Block nehmen beim Lesen dieser Zeilen Gestalt an. Ich erinnere mich an eiliges Wechseln zwischen Vortragsräumen Studio und Galerie, ein wenig überfordert von den vielen neuen Gesichtern, die Namen noch nicht geläufig. Sehr schnell habe ich mich in den Bildbesprechungen zuhause gefühlt, mit nur neun Personen war das viel übersichtlicher. Erstaunlich, dass in unserer Gruppe nur zwei davon den Lehrgang abgebrochen haben. Diese Wochenenden waren mir jedes Mal ein Fest. Ich werde sie vermissen.

  5. Ja, nachdem wir Betriebstemperatur erreicht haben, hat sich gezeigt, dass die Gruppe D auf der Langstrecke viel besser ist als im Sprint. :-))

  6. Seit Minuten schon schmunzle ich vor mich hin, wie wahr, wie oft hat mich anfangs mein sowieso etwas verkuemmerter Orientierungssinn im Stich gelassen ! Schon vermisse ich die Wochenenden mit dem bunten Haufen. Ich habe waehrend der letzten zwei Jahre nicht nur den fotografischen Blick geschaerft, ich habe eine Freundin gefunden, die meine Tochter sein koennte und genaosoviel lacht wie ich, ich habe gelernt, die Dinge mit Gelassenheit zu nehmen ( danke Klaus), ich bin vielen interessanten Menschen und ihren Geschichten begegnet und ich bin eigentlich stolz auf mich, dass ich mich durchgekaempft habe, obwohl der Frust oft gross war. Ich wuerde mich freuen, wenn wir durch diesen Blog in Verbindung bleiben wuerden.

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