Hochzeitsfotografie
WORKFLOW EINER HOCHZEITSFOTOGRAFIN

Ja, ich will! Anleitung für einen besonderen Tag

von | 16. November 2016

Aller Anfang ist schwer (nicht nur hier bei diesem Beitrag), wenn man sich an Neues heran wagt und noch keine Erfahrung hat. So war es auch bei mir, als ich begann, mich für die Hochzeitsfotografie zu interessieren.

Ich hatte das große Glück, eine Freundin zu haben – eine ausgebildete Fotografin – die mir die Möglichkeit gab, sie bei der einen oder anderen Hochzeitzu begleiten, um ihr über die Schulter zu schauen. So konnte ich ganz still und abseits des Rampenlichtes mit meiner Kamera Bilder machen, ohne die große Verantwortung tragen zu müssen – und dafür bin ich ihr heute noch dankbar! Denn so hatte ich von Anfang an die Chance, nicht der „Norm“ entsprechen zu müssen, sondern konnte ganz unbeschwert und ohne großen Erwartungsdruck seitens des Brautpaares experimentieren und mich ausprobieren. Das versuche ich mir bis heute zu bewahren.

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GUTE VORBEREITUNG UND … BERUHIGUNGSTABLETTEN …

Mittlerweile habe ich mehr Erfahrung und damit Sicherheit, um alleine diesen besonderen Tag mit meiner Kamera zu begleiten. Ich benötige nicht einmal mehr meine homöopathischen Beruhigungstabletten, um die Aufregung, Anspannung und Nervosität im Zaum zu halten. Denn eine gewisse Portion Adrenalin gehört für mich einfach dazu – so sind meine Sinne geschärft, was für mich Voraussetzung ist, um gute Arbeit leisten zu können.neni1-14

Weiters hilft mir eine sorgfältige Vorbereitung dabei, oben beschriebene Gefühle nicht zu groß werden zu lassen. Das beginnt bereits damit, dass ich mir jede neue Location Wochen vorher anschaue. Einerseits kann ich hier gleich die Strecke abfahren und weiß somit, wie viel Zeit ich dafür benötige (und minimiere nebenbei das Risiko, mich zu verfahren). Andererseits kann ich mir in Ruhe Perspektiven/Plätze überlegen und schon mal Bilder in meinem Kopf entstehen lassen, die ich am Tag der Hochzeit dann umsetze. Hierfür mache ich meist mit meinem Handy Fotos von den Plätzen, die ich für geeignet halte, Portraitaufnahmen zu machen.

Ich besichtige die Kirche und das Standesamt und sehe dabei, wie die Lichtverhältnisse dort sind, welche Schwierigkeiten auf mich zukommen könnten. Oft ergibt es sich, dass sich das Brautpaar die Zeit nimmt, um diese Orte gemeinsam mit mir zu erkunden. Dabei können wir gemeinsam Ideen sammeln. Ich erfahre bereits einiges über ihre Wünsche und was ihnen wichtig ist.

EIN ZUFRIEDENER KUNDE IST DIE BESTE WERBUNG

Meine Kunden wählen mich meist auf Grund mündlicher Empfehlung von Brautpaaren, deren Hochzeit ich fotografiert habe. Zwar habe ich bereits mit dem Gedanken gespielt, mich auf den alljährlich stattfindenden Hochzeitsmessen zu präsentieren und dafür auch schon ein Konzept erstellt. Es fehlt mir aber momentan noch der Mut, meine Komfortzone zu verlassen, um mich ein weiteres Mal auf unbekanntes Terrain zu begeben. Vor allem, weil die Fotografen, die bei solchen Veranstaltungen ausstellen, sich wirklich gut zu verkaufen wissen und so selbstbewusst auftreten – das schüchtert dann doch etwas ein! Ja, ich weiß – all jene, die mich persönlich kennen, können sich das nun nicht vorstellen, ist aber so!!! neni1-7

Manchmal kommt die Anfrage für ein Angebot per E-Mail, aber  meistens per Telefon. Was mir persönlich lieber ist, da man  leichter feststellen kann, ob man sich sympathisch ist. Das ist für mich ein sehr wichtiger Faktor. Immerhin verbringt man am Tag der Hochzeit viel Zeit miteinander und ist oft in sehr intimen Momenten dabei. Da ist es vorteilhaft, wenn man gut miteinander harmoniert und das Brautpaar Vertrauen in mich und meine Arbeit hat.

Denn wer möchte schon Bilder von sich, mit einem sorgenvoll zerfurchtem Gesicht, in dem man die Frage lesen kann: „Mmhhh, ob das was wird? Vielleicht hätte ich doch meinen Cousin fragen sollen!“

Damit das nicht passiert, treffe ich mich mit meinen Brautpaaren im Rahmen ihrer Vorbereitungszeit. In einem persönlichen Gespräch können offene Fragen beantwortet werden. Und ich informiere mich über die Wünsche und Vorstellungen des Brautpaars. Ich erkläre ihnen, wie ich arbeite und bitte sie, sich meine Arbeiten auf meiner Homepage anzusehen, damit es nicht aufgrund von nicht erfüllten Erwartungen zu einer Enttäuschung kommt. Erst dann sollen sie ihre Entscheidung treffen, ob sie mich als Fotografin engagieren wollen.

DIE EIGENTLICHE ARBEIT BEGINNT AM VORABEND DES HOCHZEITSTAGES

Um mich auf den bevorstehenden Tag vorzubereiten, werden Kamera und Speicherkarten gecheckt, meine Objektive gereinigt, Akkus und Batterien aufgeladen, Stative und Lichtdiffusoren eingepackt, Stoff zum Unterlegen für das Brautpaar, damit sie sich nicht ihre Kleidung beschmutzen usw. Außerdem überprüfe und ergänze ich meinen Zettel, auf dem wichtige Dinge wie Zeitplan, Ablauf, Telefonnummern und Adressen notiert sind. Besonders wichtig sind mir meine hier notierten Bildideen, die ich umsetzen möchte. Damit ich mich nicht im Nachhinein ärgern muss, etwas vergessen zu haben, stehen sie ebenfalls auf diesem Zettel. Bei meinen ersten Hochzeiten hatte ich für meine Vorbereitung eine Packliste – heute klappt das schon ganz gut ohne.Und dann ist er da – der große Tag, der von den Brautleuten bereits Wochen und Monate vorher geplant und organisiert wurde. Ganz ehrlich, die Ladies sind dabei oft etwas engagierter als ihr zukünftigen Ehemänner!neni1-13

So unterschiedlich die Brautpaare und ihre Vorstellungen für ihre Hochzeit sind, so haben doch alle den einen großen Wunsch: Dieser Tag soll etwas ganz Besonderes werden! Diesem Wunsch will ich mit meinen Fotos gerecht werden. Das hat zur Folge, dass ich am Ende eines Arbeitstages vor Erschöpfung zuhause auf der Couch einschlafe noch bevor meine Kinder im Bett sind.

DIE ZEREMONIE: DEN BESONDEREN MOMENT ERWARTEN UND ERSPÜREN

Auch wenn die Hochzeitszeremonie selber wenig bis keinen Spielraum für Kreativität bietet, so bemühe ich mich, kein „Standardprogramm“ ablaufen zu lassen. Ich bin ganz wach und konzentriert auf jeden Augenblick, um die besonderen, einzigartigen Momente ja nicht zu verpassen.neni1-2

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Ein vom Priester gereichtes Taschentuch, der liebevolle Blick des Bräutigams zu seiner Frau, der Sohn, der sich die Zeit damit vertreibt, ein Buch anzuschauen, ineinander verschränkte Hände, die sagen, „Schön, dass du an meiner Seite bist und ich diesen Moment mit dir erleben darf“, eine Brautmutter, die ihre Freudentränen abtupft (ganz vorsichtig, um ihr Make-up nicht zu verwischen), Freunde, die mit ihrem Handy Erinnerungsfotos machen, … dies sind nur ein paar Beispiele, die jede Hochzeit einzigartig machen. Nach diesen Momenten halte ich Ausschau und versuche, sie in meinem persönlichen Stil zu fotografieren.

PORTRAITS UND AFTER-WEDDING-SHOOTING

Bei den Porträtaufnahmen ist es anders. Hier kann ich ganz frei agieren  und das einzige, was meine Kreativität einschränkt, bin ich selber.neni1-4

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Manchmal wird vom Brautpaar ein Ort für die Porträtaufnahmen gewählt, manchmal darf ich diese Entscheidung treffen. Dann versuche ich, einen Ort zu finden, an dem einzigartige Bilder entstehen können.

Was mein Herz immer höher schlagen lässt ist, wenn sich das Brautpaar dazu entschließt, die Porträtaufnahmen an einem anderen Tag zu machen – ein sogenanntes After-Wedding-Shooting. Kein Zeitstress, man kann auch entferntere Orte/Plätze wählen, und es ist egal, wie lange man fotografiert, da man keinem vorgegebenen Zeitplan folgen muss. Es läuft total entspannt ab, da die Nervosität und Aufregung dieses Tages abgeklungen ist und sich das Brautpaar voll und ganz auf das Fotografieren konzentrieren kann. Man braucht sich nicht zu sorgen, die Kleidung sauber zu halten und kann manchmal auch etwas verrücktere Dinge ausprobieren.neni1-3

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Toller Nebeneffekt – dieser absolute Traum von einem Kleid kann ein zweites Mal angezogen werden! Tja, ich glaube, ich brauche nicht extra zu erwähnen, dass diese Art der Portraitaufnahmen mein absoluter Favorit ist, da hier sehr viel Platz für Kreativität ist.

HOCHZEITEN IM REPORTAGESTIL

Ich arbeite im Reportagestil. Das bedeutet, dass ich das Brautpaar mindestens vier Stunden an ihrem Hochzeitstag begleite. Denn ich finde, es braucht eine gewisse Zeit, um Vertrautheit entstehen zu lassen! Jene Vertrautheit, die nötig ist, um sich vor der Kamera wohl zu fühlen und um ganz entspannt sein zu können. Denn auf den Bildern sieht man, ob sich das Paar beim Fotografieren wohl fühlte und entspannt war. Das Allerwichtigste ist: Es muss Spaß machen!

Beim Portraitshooting gebe ich zwar „Anweisungen“, wo sie sich hinstellen sollen, wohin sie ihren Blick richten sollen (ob direkt in die Kamera oder in die Ferne), welche Pose sie einnehmen können, … aber das alles ist in erster Linie als Inspiration zu sehen und kein unbedingtes Muss. Wenn ich das Gefühl habe, das Paar fühlt sich in dieser Position nicht wohl, dann lasse ich davon ab und probiere es mit etwas anderem. Meine Leitlinie lautet: Flexibel bleiben und nicht stur an einer Idee festhalten. Dadurch kann etwas entstehen, an das man vorher gar nicht gedacht hat.

SELEKTION UND BEARBEITUNG DER BILDER

Der Hauptteil der Arbeit kommt dann erst zuhause: Datensicherung, Bildselektion, Grundbearbeitung, spezielle Bearbeitung von Fotos, die einen ganz besonderen Stil erhalten sollen (vor allem bei den Portraitaufnahmen).

Wenn ich meine Fotos fertig bearbeitet habe, erstelle ich damit eine Slideshow, die ich in einem passwortgeschützten Bereich auf meine Homepage lade , wo sich das Paar und ihre Familien, Freunde, Bekannte diese später ansehen können. Auf diese Art kann man in 3 bis 10 Minuten diesen besonderen Tag noch mal Revue passieren lassen. Vielen Fotografen ist diese Art der Bildpräsentation verhasst, aber ich persönlich finde, dass Musik die emotionale Bildaussage unterstützen kann. Viele Fotografen erstellen ein Fotobuch. Es ist mittlerweile recht einfach, Fotobücher zu erstellen, jeder, der einen Computer und einen Internetzugang hat, kann das im Grunde selbst machen. Das ist ein weiterer Grund, warum ich mich für „meine“ Art der Präsentation entschieden habe.

SLIDESHOW UND FINEART-PRINTS

Wenn ich dann diesen Arbeitsschritt abgeschlossen habe, werden die Bilddaten und die Slideshow auf DVD gespeichert, ein individuelles Cover gestaltet und zusammen mit drei FineArt Prints 13x18 in einem Leporello dem Brautpaar überreicht. Nach kurzer Experimentierzeit erklärte ich das Albrecht Dürer 210g von Hahnemühle zu meinem absoluten Favoriten. Dieses Papier hat eine ähnliche Struktur wie Zeichenpapier. Die darauf gedruckten Porträtaufnahmen werden zu etwas ganz Besonderem. Das ist meine ganz persönliche Meinung, Gott sei Dank sind Geschmäcker verschieden, denn sonst gäbe es ja keine Vielfalt und unsere Arbeiten würden sich nicht groß voneinander unterscheiden.

Gedruckt werden die FineArt-Prints von meiner „Charlotte“ – ein FineArt Printer der Marke Epson Stylus Pro 3880. Da dieser Drucker einen wesentlichen Beitrag zu meiner Präsentation der Porträtaufnahmen beiträgt, habe ich mir die Freiheit genommen, eine gewisse Nähe dazu aufzubauen, indem ich ihm einen Namen gegeben habe. Am Rande: Wir haben eine etwas schwierige Kennenlernphase hinter uns, denn Charlotte wollte nicht immer so wie ich mir das vorgestellt habe, aber mittlerweile harmonieren wir.

Mit Leporello, Einverständniserklärung (für eine spätere Bildveröffentlichung), Rechnung und Laptop im Handgepäck fahre ich dann zu dem Treffen mit meinem Brautpaar, um ihm die Bilder zu überreichen und ihnen die Slideshow zu präsentieren. Dies ist für mich immer ein sehr wichtiger, aufregender Moment, da ich auf ihrer Reaktion gespannt bin, wenn sie ihre Fotos zum ersten Mal in Echt sehen.

FAZIT

Zum Abschluss meines Berichtes möchte ich euch noch eine letzte Frage beantworten, die ich mir immer wieder mal selber stelle: Warum Hochzeitsreportagen, und möchte ich das weiterhin machen?

Und ich komme immer wieder zu den gleichen Antworten: Weil es schön ist, wenn andere Menschen dich an solch wunderbaren Augenblicken ihres Lebens teilhaben lassen! Weil es mich jedes Mal auf das Neue fasziniert zu sehen, dass es so viele verschiedene Möglichkeiten und Ideen gibt, diesen besonderen Tag zu gestalten. Dadurch empfinde ich diesen Bereich der Fotografie als sehr abwechslungsreich.

Und sollten meine Antworten auf diese Frage einmal anders ausfallen, dann wird es Zeit, mich einer anderen fotografischen Aufgabe zuzuwenden! Aber bis dahin lautet meine Antwort: Ja, ich will …

HIER SCHREIBT
Nicki Neundlinger

Nicole Neundlinger

Nicki trifft hauptsächlich Bauchentscheidungen. Deshalb macht sie oft ungewollte Umwege oder weiß manchmal nicht so genau, wo Beginn und Ziel ihrer Reise ist. Aber das stört sie nicht. Damit ein Bild für sie „Gültigkeit“ hat, muss es nicht technisch perfekt sein, sondern es muss Gefühle transportieren. Diesen – ihren ganz individuellen Weg – will sie unbedingt weiter gehen und immer wieder neu finden.

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Kreativität ist ein Produkt aus Verlangen, innerer Überzeugung, Erfahrung, Denken und Experimentierfreude!

Nicole Neundlinger

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