Marokko
Aus der Fotopraxis

60 Minuten, 30 Motive

von | 21. November 2015

Draußen riecht es nach Schnee. Ich hatte schon nicht mehr daran geglaubt, dass dieser wunderbare goldene Herbst jemals zu Ende gehen würde. Und vermutlich hätte ich den Winter auch gar nicht so sehr vermisst. Nun schweben aber zaghaft die ersten Flocken herab, und der Nebel kriecht durch das Pustertal und Iseltal in den Lienzer Talboden.

Es passiert nicht oft, dass ich keine Lust habe, an die frische Luft zu gehen und zu fotografieren. Heute Nachmittag ist es aber soweit. Ich überlege mir lieber eine Kreativübung, die ich in meinen eigenen vier Wänden machen kann, musikalisch begleitet von Zaz, getränketechnisch begleitet von einem fruchtigen Rioja.

Wie gut ich meine direkte Umgebung kenne, fragt mich Autor Robert Mertens in seinem Buch Kreative Fotopraxis*. Nicht mein Dorf oder meine Region, nein, er meint die Details meiner ganz persönlichen und direkten Umgebung.

Mertens schlägt vor, in 60 Minuten 60 Motive innerhalb von vielleicht fünf Metern um meinen jetzigen Standpunkt zu fotografieren. Dabei ist alles erlaubt: Verschiedene Perspektiven, unterschiedliche Brennweiten, verwackeln, verzerren, dekorieren, unterschiedliche Lichtsetzungen usw. Es ginge bei dieser kleinen Übung, so Mertens, nicht um die technische Qualität der Bilder, sondern vielmehr darum, solche Motive zu suchen, die sich Tag für Tag in meiner direkten Umgebung, quasi direkt vor meiner Nase befinden.

Klingt gut, die Idee gefällt mir. Ich richte mir eine schwarze und eine weiße Hohlkehle her und inspiziere noch ein paar Minuten lang mein Wohn-Arbeitszimmer nach Gegenständen die ich fotografieren möchte. Dann lege ich los.

Hier mein Ergebnis. Anstatt 60 Motiven nur 32 Motive:

Der Buchautor hatte gefordert, sich von jeglichem Qualitätsdenken zu befreien. Das war gleich die erste Hürde, die ich nicht überwand, weil es meiner Persönlichkeit ganz und gar zuwider ginge. Ich KANN gar nicht mehr fotografieren, ohne mir über Requisite, Bildaufbau, Hintergrund usw. Gedanken zu machen. Danke, Prager Fotoschule Österreich ;-)!

Das führte mich dann zu Problem Nummer Zwei. Denn ich hatte alle Hände voll zu tun, mir geeignete Gegenstände auszusuchen – dabei blieb für kreative Gedanken nicht mehr viel Zeit übrig. Ich hätte beispielsweise gern ein paar Gegenstände mit dem Lensbaby fotografiert, aber das manuelle Scharfstellen erfordert etwas Zeit … die bei diesem Experiment nun mal begrenzt war. Das Gleiche gilt für Lichtsetzung, eventuell Einsatz eines Diffusors, Aufhellers etc. Die zeitliche Dimension der Kreativübung machte mich schließlich vollkommen kirre, weil ich im Sprint noch nie gut gewesen war. Dafür bin ich auf der Langstrecke zu brauchen.

Bis auf eines habe ich alle Motive mit einer Canon EF 50 mm Festbrennweite, teilweise mit Makro-Zwischenring, an meiner Eos 500d fotografiert. In der Nachbearbeitung habe ich die Bilder nur noch auf ein einheitliches Format 1:1 gebracht, die Belichtung und den Kontrast etwas angepasst und das Rauschen reduziert.

Fazit: Eine schöne Übung, wenn man nicht nach draußen will. Gerade das Naheliegende ist uns ja oft so selbstverständlich, dass wir seine Schönheit gar nicht mehr bemerken. Ich für meinen Teil habe in der Stunde aus den beschriebenen Gründen aber nicht mehr als 32 Motive geschafft.

So, liebe Fotografen und Fotografiebegeisterte: Wer von euch hält mit und wiederholt das Experiment bei sich zuhause, während ich das entstandene Chaos in meiner Wohnung beseitige?

 

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REGINA M. UNTERGUGGENBERGER

Regina wollte schon als kleines Kind Geschichten schreiben. Später, bereits tief im Berufsalltag einer Kommunikationsentwicklerin verankert, wollte sie unbedingt fotografieren. Heute macht sie beides. Sie erzählt Geschichten in Bild und Wort. Geschichten von besonderen Menschen, Plätzen und Begegnungen. Dabei legt sie stets Wert auf die innere Verbindung zu den Menschen, Landschaften und Dingen, die sie portraitiert.

6 Kommentare

  1. Soweit hatte ich gar nicht gedacht. Aber du hast Recht, Conny, Hipstamatic wäre ein probates Mittel, um den Zeitplan und die kreative Vielfalt der Übung einzuhalten.

  2. Wenn Du auch am Kern der Aufgabe vorbei gearbeitet hast (nach meiner Auffassung würde das eine Hohlkehle ausschließen, und das Wort Requisite wäre nicht anwendbar) – es sind sehr ansehnliche Bilder herausgekommen. während ich mit bescheidenem Erfolg meine zimmer aufräume, wenn mich das Wetter zum Zuhause bleiben animiert, machst du Kreativ-Übungen, Beispiel setzend. Kann sein, dass ich der Einladung demnächst folge leiste.

  3. Also die Hohlkehle hätte mich jetzt weniger gestört, denn der Autor schließt diese Dinge ja nicht dezidiert aus. Und ich hab ja auch nicht alle Gegenstände in der Hohlkehle fotografiert. Wo du aber sicher Recht hast, ist, dass ich den Kern der Aufgabe nicht getroffen habe, weil ich das Qualitätsdenken nicht beiseite schieben konnte. So bin ich nun mal …

  4. Liebe Regina !
    Das war dann wohl so etwas wie Gedankenübertragung.

    Wenn es mir so wie heute besonders schlecht geht, dann schaue ich mit Hilfe der verschiedenen Webcams auf meine „zweite Heimat“ um auf bessere Gedanken zu kommen bzw. mich abzulenken.
    Und da kommt eben auch häufig der Blick vom Zettersfeld auf die Lienzer Dolomiten vor mit Gedanken an dich.

    Dachte heute dabei so, ach was wird wohl Regina an so einem trüben Tag mit endlich ein paar Schneeflocken unternehmen, sofern sie daheim ist.

    Und prompt kommt dieser neue Artikel von dir mit diesen wiederum sehr schönen Motivideen aus dem ganz alltäglichen Leben.

    Ja, man muss tatsächlich nicht immer das Haus verlassen wenn man fotografisch etwas bewegen will.

    Deine Ideen/Motive haben mir sehr gut gefallen !

    Herzliche Grüße aus Norddeutschland vom Ralf

  5. Lieber Ralf, mit Sorge lese ich, dass es dir nicht gut geht. Ich hoffe, mein Artikel hat zumindest ein klein wenig dazu beigetragen, um dich auf positive Gedanken zu bringen und schöne Erinnerungen ans Lesachtal hervor zu rufen. Toi, toi, toi! Oder wie der Lesacher sagt: Lei et nochgebm!

  6. Die 60 schafft man eben nur dann, wenn man das Qualitätsdenken beiseite schieben kann :-). Aber auch 32 ist ein ordentliches Ergebnis Ich glaube, ich würde das mit Hipstamatic erledigen
    LG, Conny

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