Die Geschichte eines Siebenbürger Sachsen

Wort gehalten

 

von | 30. Juni 2017

Die Geschichte, die ich erzähle, beginnt mit einem Versprechen. Georg, ein 91jähriger Bergbauer aus dem Kärntner Lesachtal, bittet mich, auf meiner Reise nach Rumänien eine Kerze am Grab seiner Eltern zu entzünden.  Er ist noch rüstig, aber das Alter macht sich nun doch bemerkbar. Ich hielt Wort.

Es ist ein schwüler Augusttag, und es riecht nach frisch geschnittenem Gras. Die Hitze setzt mir zu, ich ruhe mich im Schatten eines Kastanienbaums aus. Die Kirchentür ist verschlossen. Durch einen gelb gestrichenen Torbogen und dann über einen schmalen, leicht ansteigenden Pfad, der von Efeu umrankt ist, gelangt man zum Friedhof. Die Gräber sind kahl und leer. Kein Blumenschmuck. Kaum brennende Kerzen, die von der liebevollen Erinnerung der Hinterbliebenen an ihre verblichenen Angehörigen erzählen. Fokussiert auf den Namen Guist, schlendere ich zunächst durch die Gräberreihen auf der linken Seite. Ich staune, denn da gibt es sehr, sehr viele Gräber, auf denen der Name Guist eingraviert ist. Und weiters: Baltes, Schwarz, Gierlich, Roth, Hartmann, Müller, Theiss, Kiesch. Doch keine der Inschriften ist die, die ich suche. Ich wechsle auf die rechte Seite des Friedhofs und gehe Reihe für Reihe durch. Als ich die Hoffnung schon fast aufgebe, stehe ich plötzlich davor. Da ist es, in den hinteren Reihen, das Grab von Martin Guist und Sofia Guist, geborene Fröhlich. Der Mädchenname von Sofia war der entscheidende Hinweis, dass ich hier richtig sei. Ich halte für einige Minuten inne und entzünde das mitgebrachte Grablicht.

Rund um die Kirche spielte sich in Georgs Kindheit, den 1930er Jahren, das gesellschaftliche Leben ab. Da gab es die Schule, da gab es einen Gemeinschaftssaal, wo man feierte und tanzen lernte – mit Anstandswauwau, versteht sich. Da hielt man Reden, da knüpfte man Kontakte, da verhandelte man über Geschäfltiches und Gesellschaftliches. Georg ist 1925 geboren. Seine Geschichte ist die einer ganzen Generation, die ihrer Jugend und Unbeschwertheit beraubt wurde.

Die Kirche in seinem Heimatort ist für ihn Zeit seines Lebens eine symbolhafte Erinnerung geblieben. Eine Miniatur davon steht auf dem Tischchen in seiner getäfelten Stube.

Juni 1943: An einem sonnigen Tag fährt Georg, begleitet von seinen Eltern Martin und Sofia, mit dem Pferdefuhrwerk von Sura Mare nach Hermannstadt/Sibiu, dem Zentrum Siebenbürgens. Sie haben Tränen in den Augen, als der siebzehnjährige Georg, das jüngste von vier Kindern, in den Zug Richtung Wien steigt. Es ist Krieg. Georg wird als Siebenbürger Sachse in die Deutsche Wehrmacht eingezogen. Ob sie sich je wiedersehen, ist ungewiss.

Sura Mare, einst weithin bekannt als „Großscheuern“, liegt acht Kilometer nordöstlich von Hermannstadt/Sibiu in Rumänien. Durch das Bodenreformgesetz vom 23. März 1945 wurde die deutsche Bevölkerung der Gemeinde in Siebenbürgen nahezu komplett enteignet. Georg hätte den landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern übernehmen sollen, aber daraus wurde nichts. Martin und Sofia hausten nach Kriegsende mehrere Jahre lang in einem bombardierten Heustadel. Am 13. Januar 1945 und den folgenden Tagen wurden 223 Männer und Frauen in die Sowjetunion deportiert, von denen 21 Männer und ein Mädchen in der Verschleppung starben. Den Zeitgeist der 1940er und 1950er Jahre in Rumänien bzw. in den russischen Lagern erfasst Herta Müller in ihrem Roman „Atemschaukel“, der auf den Erlebnissen des Lyrikers Oskar Pastior aufbaut und 2009 mit dem Literatur Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

Zentrales Motiv von Müllers Roman ist der „Hungerengel“, den auch Georg nur zu gut kennt. Denn der 20jährige ist nach Kriegsende auf der Heimreise von Athen in jugoslawische Kriegsgefangenschaft geraten. Die Gefangenen haben keine Unterwäsche, übernachten monatelang wie die Tiere unter freiem Himmel, egal bei welcher Witterung. Später graben sie ein Loch hinter der Latrine, um aus dem Lager auszubrechen und bei einem nahe gelegenen Bauernhof ein paar Birnen zu stehlen. Sie werden erwischt und mit „Doppelschichten“ bestraft. Georg tauscht Tabakblätter, die er gesammelt hat, gegen Unterwäsche und Handtücher. Nach vier Jahren und acht Monaten wird Georg aus dem Lager in der Nähe von Tuzla entlassen. Er kehrt nicht in seine rumänische Heimat zurück, sondern gelangt zu einem Kriegskollegen, der mittlerweile im Kärntner Lesachtal eine Familie gegründet hat. Am Hof des Freundes arbeitet er als „Knecht“. Georg weiß, würde er nach Großscheuern zurückkehren, droht ihm als „Volksdeutschem“ und ehemaligem Angehörigen der deutschen Wehrmacht weitere Gefangenschaft durch die Russen.

„Hoffentlich haben wir nie wieder so einen blöden Krieg“, sorgt sich der 91jährige. Vor meinem inneren Auge ziehen Bilder aus aktuellen Nachrichtensendungen vorbei. Es treibt mir einen Schauer über den Rücken. Denn Georg sagt das als Zeitzeuge des Zweiten Weltkriegs, als unmittelbar Betroffener. Ich frage mich, ob die Nachkriegsgenerationen nicht zu sorglos mit dem Frieden umgehen. Muss man wirklich Krieg erlebt haben, damit man mit aller Konsequenz bereits den Anfängen polarisierender, hetzerischer Meinungen entgegen tritt?

Mit einem mulmigen Gefühl steigt Georg im Jahre 1949 in Liesing im Lesachtal aus dem Postbus. Bei sich hat er nur ein Köfferchen aus Holz, in dem ein paar Habseligkeiten verstaut sind. Der Krieg ist vorbei, die Gefangenschaft hat seinen Lebensplan auf Neustart gesetzt. Bei seinem Ankommen wird er in dem abgeschiedenen Gebirgstal zum Teil kontaktfreudig, zum Teil mit Ablehnung empfangen. Überhaupt als bald darauf eine einheimische Bauerntochter von ihm schwanger wird, fragt man hinter vorgehaltener Hand, was das für ein „Dahergelaufener“ sei. „Es gibt überall gute und schlechte Leute“, sagt Georg und hebt stets jene Momente hervor, in denen er Schönes und Positives erlebt hat.

Er heiratet schließlich seine Anna, gründet eine Familie, übernimmt einige Jahre später den Betrieb der Schwiegereltern und entwickelt den „Ederhof“ im schattseitig gelegenen Ortsteil Obergail ständig weiter. Seit er 1949 aus dem Postbus stieg, war er nur zweimal in seinem Heimatdorf Großscheuern/Sura Mare. Während ich mit Georg in der Stube sitze und mit ihm ein Glas Rotwein trinke, singt er ein Lied aus seiner Jugend vor. Er erinnert sich gerne und auch mit einer gewissen Wehmut an sein Heranwachsen in Siebenbürgen. Doch auch wenn er es altersbedingt noch könnte, Georg würde nicht nach Großscheuern reisen wollen, wie er mit fester Stimme erklärt. Das Lesachtal ist nach seiner Ankunft 1949 recht schnell zu seiner Heimat geworden. „Weil ich mich angepasst und die Menschen hier respektiert habe“, fasst Georg seine ganz persönliche Integrationsgeschichte zusammen. Dass er gern singt und tanzt, war dabei kein Hindernis. In Großscheuern hingegen gibt es heute nichts mehr, das an die alte Traditon der Siebenbürger Sachsen erinnern würde. Nur die Kirche und das Grab seiner Eltern sind noch immer an ihrem Platz.

Sein Glaube war für Georg in all den schlechten und guten Zeiten seines Lebens stets eine Stütze. Obwohl er sich als Evangelischer in einem taditionell katholischen Tal niederließ. Die Kirche in Großscheuern hatte Georg schon als Bub denkbar positiv geprägt. Sein ganzer Stolz ist heute die Kapelle in Obergail, in der immer am 26. Juli, zu Ehren der Heiligen Joachim und Anna Kirchtag gefeiert wird – mit Musikkapelle une Prozession. Einst renovierte er auf eigene Kosten das Dach der Kirche. Das war ihm wichtig. Dank und Bitte zugleich. Und die Famile Guist hält das Kircherl bis heute mit viel Liebe instand.

So schließt sich der Kreis in der Geschichte des Siebenbürger Sachsen Georg Guist, der im Kärntner Lesachtal seine zweite Heimat fand.

Hermannstadt

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REGINA M. UNTERGUGGENBERGER

Regina wollte schon als kleines Kind Geschichten schreiben. Später, bereits tief im Berufsalltag einer Kommunikationsentwicklerin verankert, wollte sie unbedingt fotografieren. Heute macht sie beides. Sie erzählt Geschichten in Bild und Wort. Geschichten von besonderen Menschen, Plätzen und Begegnungen. Dabei legt sie stets Wert auf die innere Verbindung zu den Menschen, Landschaften und Dingen, die sie portraitiert.

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Das Gegenwärtige ist das Ewige, oder richtiger das Ewige ist das Gegenwärtige, und das Gegenwärtige ist das Erfüllte.

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