TRANSHUMANZ IN DEN ALPEN

MYSTISCHE SCHAFWANDERTRIEBE

von | 14. März 2016

Es ist eine jahrtausendalte Tradition – jedes Jahr ziehen Mitte Juni rund 4000 Schafe aus dem Südtiroler Schnalstal mit Hirten und deren Hunden über den Alpenhauptkamm auf ihre Sommerweiden nach Vent ins hintere Nordtiroler Ötztal. Im Herbst kehrt die Herde von den Ötztaler Almgründen in ihre Heimat, dem Schnalstal, zurück. Seit 600 Jahren ist der Schafübertrieb durch einen Weiderechtsvertrag zwischen den Schnalser und Venter Bauern dokumentiert und gehört seit dem Jahr 2011 zum Weltkulturerbe der UNESCO.

So ein Erlebnis darf sich eine passionierte Landschaftsfotografin wie ich es bin nicht entgehen lassen. Ich fange also gleich mit der Planung und Umsetzung der Fotoreise an. Doch allein schon die  Anreise stellt sich als ein Abenteuer heraus. Eine Hinfahrt mit dem Auto in das ca. zwei Stunden von Innsbruck entfernte Schnalstal schließe ich aus, da die grenzüberschreitende Alpenüberquerung mit den Schafen in einem anderen Tal, dem Ötztal, endet. Ich entscheide mich somit für die öffentlichen Verkehrsmittel. Nach dreimaligem Umsteigen und einmaligem Versäumen des Bummelzuges von Meran nach Nadurns bin ich schließlich vier Stunden später in Kurzras am Schnalser Talschluss angekommen.

Der nächste Morgen beginnt sehr früh. Die Schafherde mit ca. 1500 Schafen startet in vier Gruppen um halb fünf Uhr morgens. Es ist beeindruckend, welches forsche Tempo die Hirten mit ihren Tieren an den Tag legen. Die ersten 800 Höhenmeter aufwärts bis zur Hütte „Schöne Aussicht“ sind auch für geübte Wanderer eine körperliche Herausforderung, vor allem wenn man mit der schweren Fotoausrüstung unterwegs ist. Für die erste Rast auf einer  Weide bin ich somit sehr dankbar.

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Nun ist auch mehr Zeit zum Beobachten des Treibens. Die Schafe stärken sich für den weiteren Aufstieg auf einer der letzten grünen Wiesen vor dem Gletscher. Die Hirten kümmern sich hingebungsvoll um ihre Schützlinge. Die tiefe Verbundenheit, die sie ihren Tieren entgegenbringen, ist bewundernswert, und ich genieße diesen idyllischen Anblick.

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Das Wetter ist leider nicht so gut wie es der Wetterbericht versprochen hat. Es wird immer nebliger und langsam beginnt es zu schneien, was im ersten Moment fotografisch gesehen etwas ärgerlich ist. Bald sehe ich jedoch, wie mystisch und schön die Stimmung unter diesen Wetterbedingungen ist. Die Hirten und ihre Tiere lassen sich weder durch Nebel noch Schnee auf ihrem jahrtausendalten Weg aufhalten. Im Gegensatz zu mir sind die meisten Schafe mit der Strecke vertraut und wandern zielsicher durch den Nebel. Ich hingeben habe das Gefühl, ins Nichts zu gehen.

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Nach einem dreistündigen Marsch sind die letzten Meter zur Schutzhütte „Schöne Aussicht“ geschafft. Treiber, Hirten und Schafe machen eine kleine Pause, um sich von dem Aufstieg zu erholen. In der Hütte wird um halb acht in der Früh eine Gerstensuppe serviert und dazu eine Karaffe Rotwein. Ich bestelle eine Tasse Kaffee. Der Wirt reagiert ganz entsetzt – was, kein Rotwein? Ich lerne dazu, dass es für ein gemütliches Glas offenbar nie zu früh ist.

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Nach der Einkehr führt der Weg weiter abwärts über den Gletscher in Richtung Landesgrenze. Im weichen Schnee haben die Treiber alle Hände voll zutun, um alle ihre Schützlinge im Auge zu behalten. Die Tiere müssen zum Teil schwierige Passagen wie Schlammlöcher und Eisplatten bewältigen. Ich trotze den widrigen Verhältnissen und kämpfe mich durch.

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Diszipliniert und routiniert zieht die Herde weiter über die weiße Schneelandschaft. Nach einer der letzten Hürden der Wanderung, einer Bachüberquerung, enden Eis und Schnee und die Gerölllandschaft verwandelt sich langsam in grüne Wiesen. Der Höhenzug auf die Sommerweiden ist geschafft. Die Schafe bleiben den Sommer über hier, ich muss mich leider nach dem fast elfstündigen Marsch von der Bergidylle verabschieden und ins Ötztal absteigen. Die Transhumanz bleibt jedoch eine wunderschöne und sicher nicht einmalige Erfahrung für mich!

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KATERINA FISER

Die Fotografie ist Katerinas Leidenschaft. Für sie gibt es nichts Schöneres als das Festhalten von Erinnerungen, Stimmungen und das „Sichtbarmachen“ des Unsichtbaren. Hauptberuflich arbeitet Katerina im Eventmanagement und reist zu den verschiedensten Orten der Welt. Sie liebt die Reisefotografie und sucht meistens Plätze abseits der Touristenpfade, um die Einzigartigkeit des Landes und der Bewohner festzuhalten.

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You trust your eye and you cannot help but bare your soul. One’s vision finds of necessity the form suitable to express it.

Inge Morath

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