Biedermeierfriedhof Wien/St. Marx

MAESTRO MOZART UND DER SEIFENSIEDER

von | 30. April 2015

Die „Kieberei“, wie man auf gut Wienerisch sagt, deutet gerade mit der Kelle einem Motorradfahrer, er solle rechts ranfahren. Er ist bei diesem fabelhaften Frühlingswetter voll motiviert und viel zu schnell stadteinwärts gebraust und hat das Ordnungsorgan zu spät entdeckt, um noch zu bremsen. Ich wechsle schnell die Straßenseite, während eine Brise Flieder für einen Moment meine Nase durchströmt. Eigentlich keine besonders sympathische Gegend, in der ich spazieren gehe, ein direkt unterhalb der Stadtautobahn gelegenes graues, zubetoniertes Vorstadtviertel mit dem Charme einer Bahnhofstoilette. Während der Motorradfahrer zähneknirschend seinen Strafzettel – in Beamtendeutsch Organstrafverfügung – entgegen nimmt, baut sich vor mir eine etwas verwahrlost wirkende, unverputzte Mauer auf.

Ein guter Freund, den ich nach Orten und Plätzen gefragt hatte, an denen er sich besonders wohl fühlt, hatte mir den St. Marxer Friedhof im dritten Wiener Gemeindebezirk empfohlen. Abgase, Schwerverkehr, Fußballfeld und Kinderspielplatz, rundum Beton … eigentlich hatte ich mir einen Friedhof etwas freundlicher und, na ja, friedlicher vorgestellt. Als er vor 231 Jahren vor den Toren Wiens angelegt wurde, war er das vermutlich auch noch. Der empörte Pfiff eines Schiedsrichters reißt mich aus den Gedanken, ich frage mich, was genau denn mein guter Freund an dem Platz so toll findet.

Nach kurzem Zögern betrete ich durch einen mit hübschen roten Ziegeln gemauerten Torbogen den Friedhof. Ich fühle mich gerade an meine Mutter erinnert. Als Kleinkind war es mir peinlich gewesen, wenn sie an fremden Orten, mich an der Hand haltend, die Friedhöfe genauestens inspizierte. Heute kann ich diese konspirative Vorliebe irgendwie verstehen …

Der St. Marxer Friedhof ist kein gewöhnlicher Friedhof, sondern der letzte erhaltene Biedermeierfriedhof Österreichs, und steht heute unter Denkmalschutz. Seine Bekanntheit verdankt er wohl auch einem armen Schlucker, der im Dezember 1791 hier begraben wird, dem Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart. Als seine Witwe knapp zwanzig Jahre später zum ersten Mal das Grab besuchen will, lässt sich die Stelle, wo er begraben liegt, nur noch „ungefähr“ feststellen. Es sollten noch einmal einige Jahrzehnte vergehen, bis schließlich der Wiener Bürgermeister Johann Kaspar von Seiller den Auftrag gibt, die möglichst exakte Position von Mozarts Grab zu finden, zu kennzeichnen und ein Grabdenkmal zu errichten, nicht zuletzt um den fortwährenden diesbezüglichen Nachfragen ein Ende zu bereiten.

Der als Allee gestaltete Hauptweg führt mich direkt vom Eingangstor zum Zentrum des Friedhofs. Links und rechts des Wegs sind immer mal wieder Parkbänke aufgestellt. Der Beginn dieser Allee wird zu beiden Seiten von je einem steinernen Genius, das ist eine Art persönlicher Schutzgeist, flankiert. Dann nähere ich mich dem Zentrum des Friedhofs, wo sich der Hauptweg verbreitert und schließlich an einem monumentalen, steinernen Kreuz endet. Zu beiden Seiten dieses Alleeabschnitts befindet sich der Bereich der sogenannten Schachtgräber: Einst waren hier die Gräber in Reihen angeordnet, heute sieht man hier Wiesen mit Baum- und Strauchbepflanzung. Nur einige wenige Gedenkgrabsteine erinnern an die zahlreichen hier Beerdigten. Ein Stück weiter den Kiesweg entlang, sind die Gäber dann wieder in Reihen angeordnet. Hier baue ich mein Stativ auf um ein 360° Panorama zu fotografieren.

Auf dem Friedhof liegen Angehörige verschiedener christlicher Konfessionen begraben: Katholiken, evangelische Verstorbene, aber auch Angehörige der griechisch-orthodoxen beziehungsweise serbisch-orthodoxen Kirche. In dieser „Abteilung“ des Friedhofs sehe ich zahlreiche Grabinschriften, die in griechischer oder kyrillischer Schrift abgefasst sind.

Obwohl mich die verdammte Trillerpfeife immer mal wieder ins 21. Jahrhundert zurückholt, schlendere ich gedankenversunken durch die Gräberreihen und staune über die Bedeutung von Titeln und Statusbezeichnungen, die – typisch österreichisch – wohl schon im Biedermeier eine große Rolle gespielt zu haben scheinen. Man ließ damals alles in Stein meißeln, was auch nur einigermaßen als Titel verwendet werden konnte. Oft waren es bloß einfache Berufsbezeichnungen, die von den Menschen aber offenbar ebenso stolz getragen wurden wie etwa ein Adelstitel oder akademischer Grad. So stoße ich auf dem Sankt Marxer Friedhof auf Grabinschriften wie etwa bürgl. Lust und Ziergärtner, bgl. Fischhändlerswittwe, k. k. Hof Mundwäscherin, bürgl. Kanalräumer, k. k. Post-Cassenverwalter, bgl. Seifensieder, Medizinalratsgattin, Gelbgüssermeister, Obermälzer, Harfenvirtuose, Hausinhabersgattin usw. Einige dieser Berufsbezeichnungen kann ich mir an Ort und Stelle gar nicht erklären. Erst spät am Abend, als ich wieder zuhause bin, verrät mir Tante Wikipedia, dass beispielsweise ein Gelbgießer mittels Guss in Lehm- oder Sandformen kleine Gegenstände aus Messing herstellte, die danach poliert, geschliffen, abgedreht oder vergoldet wurden. Zu den typischen Erzeugnissen gehören etwa Mörser, Schnallen, kleine Leuchter, Figuren, Beschläge, Glocken und Schellen, Armaturen für die Feuerwehren sowie Knöpfe.

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Nach der Errichtung des Wiener Zentralfriedhofs wird der St. Marxer Friedhof 1874 nach gut neunzigjährigem Bestehen geschlossen und sich selbst überlassen. Langsam aber stetig holt sich die Natur zurück, was ihr der Mensch abgerungen hat und überwuchert zahlreiche Grabdenkmäler. Hübsch, wie ich finde, wenn eine Efeuranke oder ein Ast das Denkmal säumt. Die Toten ruhten hier bis zum Bau der Südosttangente sprichwörtlich in Frieden, wie es in vielen Inschriften zu lesen ist. Wäre es nach der Stadtregierung gegangen, hätte man den Friedhof bereits Anfang der 1920er Jahre aufgelassen und in einen Park umgewandelt. Hans Pemmer, ein offenbar widerspenstiger Heimatforscher, ließ aber nicht locker und setzte durch, dass der St. Marxer Friedhof als einziger von ehemals fünf kommunalen Friedhöfen erhalten blieb und schließlich unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Beim Betreten des Friedhofs hatte ich mir noch gedacht, dass ich hier wohl eher bald wieder den Sittich machen würde. Wie bei vielen Dingen im Leben benötige ich erst etwas Zeit, um mich ganz auf die Situation einzulassen. Je länger ich durch die Reihen der ungeschmückten und großteils wohl in Vergessenheit geratenen Gräber spaziere, mich vor manchen hinhocke  und etwas länger verweile, desto mehr ziehen mich all die Geschichten, die hier schlummern, in ihren Bann.  Es sind die Geschichten von Adeligen, Wiener Bürgern und solchen, die aus allen Winkeln des damaligen Kaiserreichs in die Hauptstadt gekommen waren, um hier ihr Glück zu versuchen. Es sind Geschichten unterschiedlicher Berufsgruppen und christlicher Konfessionen, reicher und armer Menschen aus unterschiedlichen Schichten. Es sind Geschichten von zahlreichen Kindern, die bei der Geburt verstarben oder das Säuglingsalter nicht überlebten, Geschichten von Müttern, die keine dreißig Jahre alt wurden und fünf oder sechs Kinder zurückließen. Diese ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten stehen hier nicht in Widerspruch zueinander. Und das verleiht der ganzen Atmosphäre und dem Ort trotz Schwerverkehrs und Trillerpfeife tatsächlich etwas Friedvolles.

s.

HIER SCHREIBT

REGINA M. UNTERGUGGENBERGER

Regina wollte schon als kleines Kind Geschichten schreiben. Später, bereits tief im Berufsalltag einer Kommunikationsentwicklerin verankert, wollte sie unbedingt fotografieren. Heute macht sie beides. Sie erzählt Geschichten in Bild und Wort. Geschichten von besonderen Menschen, Plätzen und Begegnungen. Dabei legt sie stets Wert auf die innere Verbindung zu den Menschen, Landschaften und Dingen, die sie portraitiert.

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Das Gegenwärtige ist das Ewige, oder richtiger das Ewige ist das Gegenwärtige, und das Gegenwärtige ist das Erfüllte.

Søren Kierkegaard

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