Inge Morath Road to Reno
FOTOJOURNALISMUS I STREET PHOTOGRAPHY

INGE MORATH: ABOUT THE ROAD TO RENO

von | 8. November 2016

Die Fotografin Inge Morath wird 1923 als Inge Mörath in Graz geboren. Nach Kriegsende arbeitet sie als Übersetzerin und Redakteurin beim Information Service Branch für die amerikanische Besatzung, später als freie Journalistin. 1953 wird sie als erste Frau in die renommierte Magnum-Fotoagentur aufgenommen. Ihre Leidenschaft gilt der Street Photography. Im Buch „The Road to Reno“ schildert sie ihre 18-tägige Reise gemeinsam mit Henri Cartier-Bresson zum Filmset von „The Misfits“, die ihr Leben in vielerlei Hinsicht prägend verändern sollte. 

Im Sommer 1960 sendet die Fotoagentur Magnum ein Team von 18 Fotografen in die Wüste von Nevada nach Reno, um das Filmset von The Misfists (dt. Titel: Misfits – Nicht gesellschaftsfähig) zu fotografieren und zu dokumentieren. Der Regisseur, John Huston, hatte für den Film von Arthur Miller ein Aufgebot an top Schauspielern engagiert: Marilyn Monroe, Clark Gable, Montgomery Clift, Thelma Ritter und Edi Wallach.

inge-morath-20Selbstportrait von Inge Morath, 1960

inge-morath-21Magnum Treffen 1956, Inge Morath, hintere Reihe, 4. von rechts, Foto: unbekannter Fotograf

Auch Inge Morath und ihr Kollege und Mentor Henri Cartier Bresson sollen nach Reno aufbrechen. Die beiden wählen jedoch im Gegensatz zu den anderen Fotografen die unbequeme und zeitaufwendige Anreise mit dem Auto.

ON THE ROAD: VON NEW YORK NACH RENO

Auf einer roten Linie, die Henri Cartier Bresson mit einem Fettstift auf einer ausgebreiteten Landkarte zieht, verläuft die geplante Reiseroute der beiden Fotografen. Von New York nach Reno. Sie haben für den Auftrag genau 18 Tage Zeit.

So macht sich also das Fotografenduo mit einem Mietwagen auf die Reise nach Reno. Ihre Reiseroute verläuft über 12 Bundesstaaten: New York, New Jersey, Pennsylvania, West Virginia, Virginia, North Carolina, Tennessee, Arkansas, Oklahoma, New Mexico, Arizona, Nevada.

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Inge Morath hat wie auf allen ihrer Reisen neben ihrer Kamera auch ihre tragbare Schreibmaschine dabei. Damit bringt sie an jedem Abend in ihrem Zimmer die Ereignisse des Tages zu Papier.

Der erste Reisetag führt die beiden Fotografen in ihrem Auto über den Holland Tunnel und den New Jersey Turnpike aus New York heraus. Der erste Juli 1960 ist ein regenverhangener, grauer Tag. Es ist viel los auf den Straßen und Inge Morath registriert um sich herum nur Autos. An den ausgestreckten Automatenhänden der Mautstellen muss sie passendes Kleingeld einwerfen. Sie fahren an einem schweren Verkehrsunfall vorbei. Bei „Howard Johnson“ machen sie eine erste Kaffeepause und erreichen nach vielen Meilen auf regennasser Straße Harrisburg. Sie machen einen Streifzug durch die Stadt mit ein paar Fotos der wenigen Sehenswürdigkeiten. Dies sind die ersten Eindrücke von Inge Morath über die Vereinigten Staaten von Amerika, ein Land das ihr mit Ausnahme der Städte Los Angeles und New York bislang unbekannt ist. Der Tag endet unspektakulär in einem bequemen Hotel, was für Autoreisende in Amerika eher eine unübliche Übernachtungsvariante darstellt. In den folgenden 16 Tagen übernachten sie dann jeweils in Motels.

inge-morath-3Brücke auf dem New Jersey Turnpike Foto: Inge Morath, 1960

Auf ihrem Trip besuchen die beiden Fotografen zahlreiche geschichtshistorische Orte und Museen, wie z.B. der Hall of  Presidents in Lexington (US-Präsidenten als Wachsfiguren), das John Brown Museum (Geschichte der Sklaverei) in Harper’s Ferry, das General Lee Museums (Geschichte des Bürgerkriegs) in Lexington oder das Geburtshaus von Thomas Wolfe in Asheville.

Sie besichtigen auch die auf der Route liegenden National-, Landschaftsparks und Indianerreservate. Morath ist fasziniert von der Weite des Landes und den Naturschönheiten die die  USA zu bieten hat. Am 3. Juli fahren sie durch den  landschaftlich interessanten Shenandoah National Park, am 5. und 6. Juli besuchen sie die Freiluftmuseen über Indianerkultur Cherokee Village und Oconaluftee Village in den Smoky Mountains von North Carolina.

Auch in typisch touristischen Orten legen die beiden einen Stopp ein: „Practically nothing announces the approach of one of the extraordinary places I was to see one this trip, grown out of barbaric desires to gamble and gain and forget, Las Vegas suddenly receives you, wearing stage makeup in full daylight with the sophistication of a ham actor in an ambulant road show.”

Um ihren Zeitplan nicht in Gefahr zu bringen stehen die beiden trotz eines langen nächtlichen Streifzugs durch die Casinos am nächsten Tag wieder um 7.00 Uhr morgens auf: „Two alarm clocks and the phone managed to get me out of bed at 7am. Two hours sleep filled with strange dreams partly involving slot machines.“

Letzte Station vor ihrem Ziel ist Goldfield, eine Geisterstadt, die sie kurz besichtigen und im krassen Gegensatz zu Las Vegas steht. Der ehemalige Reichtum der Stadt ist vergangen und die Menschen sind auf der Suche nach Geld und Gold weitergezogen.

inge-morath-4Henri Cartier-Bresson vor dem Capitol in Harrisburg Foto: Inge Morath, 1960

inge-morath-5Henri Cartier-Bresson schüttelt die Hand eines Indianers in Cherokee Village, Foto: Inge Morath, 1960

inge-morath-8Straßenszene in Wetumka, Oklahoma, Foto: Inge Morath, 1960

inge-morath-6Straßenreklameschild außerhalb von Memphis, Tennessee, Foto: Inge Morath, 1960

inge-morath-7Straßenszene in Little Rock, Arkansas, Foto: Inge Morath, 1960

inge-morath-9Einarmiger Bandit. Beatty, Nevada, Foto: Inge Morath 1960

Schließlich erreichen die beiden Magnum Fotografen ihr Ziel und den Ort ihrer Auftragsarbeit: Reno, Nevada. Mit vielen und schwer zu beschreibenden Eindrücken kommen sie nach 3.300 Meilen Fahrt am Ende der roten Linie auf ihrer Landkarte an.

Inge Morath macht in ihrem Reisetagebuch folgenden letzten Eintrag: „We arrived Reno on the evening of the 17th. Into a world so different from the loneliness of the trip, the world of a movie being started. It is difficult to describe the last extraordinary days, although they are still very much alive. Their colours are still fresh and, when I close my eyes, the road still seems to be passing in front of me, running straight and hot through the desert.”

DIE DREHARBEITEN ZU „THE MISFITS“

Inge Morath und Henri Cartier Bresson checken, wie bereits alle anderen Fotografen in Reno, im Mapes Hotel ein. Am 18. Juli 1960 beginnen die Dreharbeiten für „The Misfits“.

Die beiden  starten jeweils früh morgens und arbeiten jeweils bis spät abends. Sie müssen wegen der Schauspieler und den Einstellungen für eine Szene oft lange Wartezeiten überbrücken. Inge Morath und Henri Cartier Bresson sind bereits ein eingespieltes Team. Die Fotos der beiden unterscheiden sich in Bildkomposition, Aufnahmewinkel und Distanz zum Schauspieler. So entstehen von der gleichen Filmszene jeweils sehr unterschiedliche Aufnahmen.

Sowohl Morath als auch Cartier Bresson veränderen am Set sehr oft ihren Standpunkt. Inge Morath ist überascht, wie schnell sich Cartier Bresson dabei bewegt. Inge Morath kennt am Set bereits einige Leute. Mit dem Regisseur John Houston hatte sie 1952 bereits für den Film „Moulin Rouge“ zusammengearbeitet. Der Schauspieler Montgomery Clift ist ein guter Freund von ihr. Auch mit den anderen Schauspielern kommt sie gut zurecht. Sie stellt bei keinem von ihnen Starallüren fest und bewundert ihre schauspielerischen Fähigkeiten: „Thelma Ritter was marvelous because it was part which was not very glamorous, but she anchored this very American thing. And Eli Wallach. Eli is a funny guy and a wonderful actor. Eli and Marilyn were like buddies, and you can see it. Monty and Marilyn were kinderd souls. They were both terribly vulnerable. And Clark Gable was Clark Gable.”

inge-morath-11John Huston und Arthur Miller bei Drehbeginn von “The Misfits”. Reno, Nevada Foto: Inge Morath, 1960

Von Marilyn Monroes Ausdrucksstärke ist Morath besonders beeindruckt. Sie erkennt bei Monroe viel Energie und Kraft, jedoch auch Zerbrechlichkeit. Monroe beherrscht das Posing für die Filmaufnahmen perfekt. Inge Morath will aber in ihren Fotos die private und innere Seite von Monroe enthüllen. In einigen Nahaufnahmen gelingt ihr das und man kann hinter dem Lächeln für die Kamera den tragischen Unterton der Monroe entdecken. Inge Morath macht am Filmset nur relativ wenige Fotos. Ihr späterer Ehemann Arthur Miller sagt über sie: „When she pointed a camera she felt a certain responisbility for what ist was looking at. Her pictures of Marilyn are particularly empathic and touching as she caught Marilyn’s anguish beneath her celebrity, the pain as well as her joy in life.”

inge-morath-15Marilyn Monroe und Arthur Miller im Hotelzimmer während einer Drehpause Foto: Inge Morath, 1960

inge-morath-13Marilyn Monroe während einer Drehpause Foto: Inge Morath, 1960

FAZIT

Für mich persönlich ist „The Road to Reno“ ist ein einzigartiges fotografisches Reisetagebuch der Magnum Fotografin Inge Morath. Mich fasziniert, wie die Reise sich gleich in mehrfacher Hinsicht entscheidend auf ihr private und berufliche Zukunft auswirkte: Durch die gewählte Anreise mit dem Auto lernt sie ihre Wahlheimat hautnah kennen. Am Filmset in Reno verliebt sie sich in Arthur Miller, den Roman- und Drehbuchauthor von „The Misfits“, der zu diesem Zeitpunkt noch mit Marilyn Monroe verheiratet ist. Wenige Tage nach dem Ende der Dreharbeiten stirbt Clark Gable. Morath und Miller heiraten 1962, haben während ihrer Ehe zwei gemeinsame Kinder und bleiben bis zum Tod von Inge Morath im Jahr 2002 zusammen.

Mir gefällt auch die Bildsprache von Inge Morath. Ihre Portraits lassen den Menschen hinter der öffentlichen Person erscheinen. Die Bilder wirken unaufdringlich, beinahe privat und lassen die Vertrautheit und Freundschaft zu den abgelichteten Schauspielern erkennen. Morath hat auf ihrer Reise viele Aufnahmen mit einem Schwarz-Weiß Film abgelichtet. Immer wenn es ihr darum ging, das Lebendige und Bunte in ihren Motiven hervorzuheben legte sie in ihre Kamera einen Farbfilm ein.

NACHSCHLAG – DIE BEZAUBERNDE MARILYN MONROE

inge-morath-12Foto einer Filmszene mit Marilyn Monroe Foto: Inge Morath, 1960

inge-morath-16Foto einer nachträglich zensierten Filmszene mit Marilyn Monroe und Clark GableFoto: Inge Morath, 1960

inge-morath-14Marilyn Monroe im Bademantel, Foto: Inge Morath 1960

inge-morath-2Foto einer Filmszene mit Marilyn Monroe und Clark Gable, Foto: Inge Morath, 1960

Dieser Beitrag ist eine gekürzte Fassung einer ausführlichen Betrachtung über Inge Morath von Stefan Sontheim. Wer genauer nachlesen will, gelangt hier zur vollständigen Fassung, die auch die entsprechenden Quellenangaben enthält.

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STEFAN SONTHEIM

Stefan fotografiert seit den 1980er Jahren voller Leidenschaft. Fotografieren bedeutet für ihn Entspannung, Meditation, Konzentration und Freude schenken. Er lebt mit seiner Frau und den beiden Töchtern in Augsburg und hat dort ein kleines Fotostudio. Er beschäftigt sich fotografisch mit Menschen, Gegenständen und Architektur.

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Das Hier und Jetzt sind die Basis für ein gutes Foto.

Stefan Sontheim

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