Marokko
Crossing Sahara desert

Ocker, Sienarot, Kupfer … bisweilen Koralle

von | 14. August 2015

Prolog

In den vermeintlich so sozialen Medien und am Wirtshaustisch überschlagen sich aktuell vollkommen undifferenzierte Hasskommentare gegen Flüchtlinge und Asylwerber aus aller Herren Länder mit Berichten von – natürlich – negativen individuellen Erfahrungen. Die Urheber dieser Kommentare sind ganz offensichtlich Menschen, deren geistiger Horizont nicht über den eigenen Kirchturm hinaus reicht, und die Gott sei Dank! Inshallah! selbst noch nie die Erfahrung machen mussten, wie es sich anfühlt, irgendwo fremd und auf sich allein gestellt zu sein. Ganze Heerscharen von Kampfpostern und Stammtischbrüdern/ -schwestern wissen aus nicht näher genannten Quellen über Scheinehen, Sozialschmarotzer, undurchsichtige Geschäftspraktiken und sogenannte Ehrenmorde zu berichten. Die Ängste von Menschen zu schüren, war schon immer ein einträglicher Geschäftszweig. Diejenigen „Fremden“, die ehrlich, fleißig, geduldig, guten Willens sind, sind in der Kategorie der Pauschalurteile wieder einmal die Deppen.

Gut in Erinnerung ist mir auch der Slogan einer wahlwerbenden österreichischen Gruppe, der nahelegt, Heimatliebe anstatt Marokkanerdiebe (sic!) den Vorzug zu geben. Nun will ich gar nicht behaupten, manches Vorurteil träfe nicht hier und da auch zu. Verallgemeinerungen und Pauschalurteile bringen mich aber ganz allgemein derart in Rage, dass ich manchmal innerlich um die Geduld flehe, am Ende nicht noch einen der Adressaten zu erwürgen.

Es mag Zufall sein, dass ich ausgerechnet zu dieser Zeit ins Land der „Marokkanerdiebe“ reise. Sowohl entgeisterte Familienmitglieder und Freunde als auch verständnislos drein schauende Marokkaner fragen mich, wie ich um Himmels Willen auf die größenwahnsinnige Idee komme, als Frau, ganz allein, Marokko, das Tor nach Afrika, „erobern“ zu wollen. Die Antwort klingt banal: Ich wollte immer schon mal in die Sahara, und von den nordafrikanischen Ländern scheint mir Marokko am sichersten zu sein, um in die Wüste zu gelangen.

Welche Erfahrungen ich als Europäerin, als Frau und als Christin in der arabischen Welt gemacht habe und welche Erkenntnisse mir der Abgleich zwischen landläufiger Meinung, Fachliteratur und tatsächlich Erlebtem beschert hat, darüber soll in einem anderen Beitrag meiner Edition Marokko die Rede sein.

Crossing Sahara Desert

Die Sonne hat wohl ihren höchsten Stand an diesem Tag erreicht, als Hassan, der Guide,  dem vollbepackten Dromedar von M’Hamid aus in Richtung algerische Grenze hinterher sprintet – offenbar fest entschlossen, einen Geschwindigkeitsrekord zu brechen beziehungsweise die Zeit, die am Morgen vertrödelt wurde, wieder aufzuholen. Vervollständigt wird die illustre Gruppe durch Muhammad, Kameltreiber und Koch in Personalunion.

Während ich im Wüstensand einsinke und doppelt soviel Kraft aufwende, um vorwärts zu kommen, erinnere ich mich fluchend an ein Schild, das ich am Rand der Oasenstadt Zagora gesehen hatte. Es weist Karawanen den Weg ins abgelegene Timbuktu, einstmals bedeutendes Handelszentrum südlich der Sahara. Auf das Hinweisschild ist eine Wüstenlandschaft gemalt: Sanddünen, ein paar Palmen und Berge am Horizont, in der Ferne eine Karawane, im Vordergrund ein Touareg und ein Dromedar. Und eine Zeitangabe verdeutlicht dem Reisenden, was ihm bevorsteht: 52 Tage bis Timbuktu. Der Wegweiser ist mittlerweile ein so abgedroschenes Fotomotiv, dass ich mich schon allein deshalb geweigert hatte, es zu fotografieren. Wer es sich trotzdem gerne ansehen möchte, wird von den Suchmaschinen gewiss reichlich bedient. Nun habe ich zwar nicht vor, nach Timbuktu zu wandern, mir reicht es völlig aus, drei Tage lang hinter einem Dromedar her zu trotten. Welche Strapazen die Karawanen einst auf sich genommen hatten, kann ich mir in dem Augenblick aber deutlich vorstellen. Hassan erzählt in einem Mischmasch aus Französisch und gebrochenem Englisch, er sei zweimal in seinem Leben mit einer Karawane nach Timbuktu gezogen, und er gießt mir dabei kühles Wasser über den Kopf. Sein  gequälter Gesichtsausdruck spricht Bände.

Die Melange aus extremer Hitze, Tempo und Kraftaufwand scheint mein Kreislauf gar nicht zu schätzen. Ich frage mich kopfschüttelnd, was Jesus wohl dazu bewogen haben mag, 40 Tage in die Wüste zu gehen. Erst das sehr, sehr leckere Essen, das Muhammad frisch zubereitet und nicht auf den Tisch, sondern auf den Teppich zaubert, lässt meinen Verdrusspegel wieder etwas sinken. Wie es in Marokko üblich ist, esse ich ausschließlich mit der rechten Hand. Dauert zwar etwas länger, wenn man nur ein Werkzeug einsetzen kann, aber die linke Hand gilt ja als unrein.

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Mein Plan, hunderte tolle Fotos zu machen, wird während dieser drei Tage durch verschiedene Ereignisse vereitelt. Der Hauptgrund: Selbst bei der mildesten Brise kriecht dieser verdammte Wüstensand in jede Ritze, die man sich vorstellen kann. Ich beschließe, mein Equipment nicht mehr zu strapazieren als es sein muss, weil ich mir die Reise nicht mit einem dreckigen Sensor und zerkratzten Objektiven versauen will. Außerdem tut man sich während des Sprintens ohnehin schwer, in der gebotenen Kürze Motive zu erspähen, eine entsprechend kurze Verschlusszeit zu wählen, den Auslöser zu drücken und die Reisegenossen im weichen Wüsentsand wieder einzuholen. Und, liebe Leser, ich kann euch aus Erfahrung sagen, selbst nach mehreren Reinigungsdurchgängen, Wochen nach der Rückkehr, rieselt einem immer noch irgendwo der Sand entgegen, der trotz Einsatz eines Föns und eines Blasebalgs an den Utensilien klebt. Das Stativ ist nicht mehr zu retten, die Gelenke sind durch den Sand unbrauchbar und nur noch am Knirschen.

Das hängt auch damit zusammen, dass es während meiner Wüstentour nicht bei der Brise bleibt. In der ersten Nacht, die ich im Schlafsack liegend, auf „meinem“ Teppich unter freiem Himmelszelt verbringe, erhebt sich plötzlich ein mächtiger Sandsturm, wie wir ihn aus dem Film „Die Mumie“ kennen … der übrigens ganz in der Nähe, in Ouarzazate, gedreht wurde. Planen und allerhand anderes Zeug, das nicht angenagelt ist, fliegen uns um die Ohren, ich verbarikkadiere mich so gut es eben geht in meinem Schlafsack und krieche am Morgen unter einer fünf Zentimeter dicken Sandschicht hervor. Wenigstens spare ich mir die Zahnseide, denn der Wüstensand auf dem Frühstücksmarmeladenbrot reinigt das Gebiss wie von selbst. Sand überall. Sand in jeder Körperöffnung, im Mund, in der Nase, in den Augen, die ich mit der Sonnenbrille schütze. Da bekommt die Redewendung „die Ohren zu haben, wie ein Kamel im Sandsturm“ gleich eine ganz andere Dimension.

Die Kamera bleibt natürlich im Rucksack, bin ich doch hauptsächlich mit mir selbst beschäftigt, als ich im Windschatten des Dromedars etwa fünf Stunden durch die Wüste trabe und dabei mein volles Kampfgewicht von 54 Kilo gegen den wütenden Sandsturm stemme. Erst auf der letzten Etappe klettere ich entkräftet und willenlos auf das Schiff der Wüste, das wiederkäuend und mit gewohnt gelangweiltem Blick durch die Dünen schaukelt. Dann endlich erreichen wir eine kleine Beduinensiedlung, wo ich mich zwei Tage erhole und doch noch Frieden mit der Wüste schließe. Doch dazu später.

Meiner Lust zu experimentieren ist es geschuldet, dass ich euch nicht nur Standbilder sondern auch ein paar Bewegtbilder mitgebracht habe.

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„Und, wie war’s denn“, werde ich nach meiner Rückkehr gefragt. Wer eine durch und durch romantische Geschichte aus der Wüste erwartet, wird wohl nicht auf seine Rechnung kommen. Meine Wüstengeschichte würde ich als elementar bezeichnen. Was ich erlebt habe, ist zunächst einmal echt und ungekünstelt,  durchaus an meinen körperlichen und persönlichen Grenzen, außerhalb der oft zitierten Komfortzone. Als ich mich in der Beduinensiedlung vom Stress des Sandsturms erhole, darf ich aber dann doch noch sehr friedvolle Augenblicke erleben.

Ich bin ergriffen, wieviele verschiedene Schattierungen von Orange und Rot es gibt und welch vollkommene Linien der Wind in den Sand zeichnet. Im Morgengrauen scheinen die Dünen pfirsichfarben, schal und blass. Die rasch aufgehende Sonne taucht sie in leuchtendes Ocker. Später, wenn die Sonne schon tief im Westen steht, glühen die sanften Hügel orangerot, sienarot, auch korallenrot, bisweilen rostbraun. Die verschiedenen Schattierungen fließen fast im Minutentakt ineinander. Und wenn die Sonne ihr Tagwerk vollendet, verblasst die Wüste in zarten Lachs- und Kupfertönen. Dieses einmalige Lichtspiel, diese Farben, die der Mensch in Worten oder mit Farbcodes gar nicht treffend beschreiben kann, bleiben als Bild in meiner Seele gespeichert.

Die Sonne versinkt tief im Westen als Muahmmad auf die höchste Düne klettert. In diesem Augenblick ist es egal, ob wir nun Gott oder Allah für die Wunder rings um uns danken.

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REGINA M. UNTERGUGGENBERGER

Regina wollte schon als kleines Kind Geschichten schreiben. Später, bereits tief im Berufsalltag einer Kommunikationsentwicklerin verankert, wollte sie unbedingt fotografieren. Heute macht sie beides. Sie erzählt Geschichten in Bild und Wort. Geschichten von besonderen Menschen, Plätzen und Begegnungen. Dabei legt sie stets Wert auf die innere Verbindung zu den Menschen, Landschaften und Dingen, die sie portraitiert.

8 Kommentare

  1. Faszinierend, Regina. Ich würde gerne mehr über deine Marokko-Reise lesen.

  2. Dann habe ich gute Neuigkeiten für dich, Gabi. Ich veröffentliche noch zwei weitere Beiträge, in einem geht es ganz grob gesagt um das Thema Eigenverantwortlichkeit und wie man in Marokko damit umgeht, im zweiten wird dann von der Rolle der Frau die Rede sein. Lass dich überraschen :-)!

  3. Hallo Regina! Freu mich sehr über deinen Blog, da ich vor habe, nächstes Jahr auch nach Marokko zu reisen! Deine Bilder sind echt und einmalig und werden dem Namen deines Projektes voll gerecht! Bin schon gespannt was noch alles kommt, und kann es jetzt schon kaum erwarten, dieses Land kennenzulernen!

  4. Es gibt dort so viel Schönes zu entdecken, du wirst sehen. Als Frau hat man es zwar nicht ganz leicht, man muss den Knaben, wie man bei uns so schön sagt, mit dem Gstell ins Gsicht fahren, aber das derleiden sie schon … und man verschafft sich dann auch schnell den notwendigen Respekt. Weitere Einblicke gibt’s ja dann noch in den nächsten Kapiteln. Und solltest du irgendwelche Infos benötigen, hast du ja meine Kontaktdaten

  5. Bin von deinem Bericht begeistert, liebe Regina. Ich kann mir vorstellen, welche Herausforderung es für dich war. Während eines solchen Tages kann man sicherlich auch geistig total abschalten bzw. meditieren. Freut mich, an deinem Erlebnis teilhaben zu dürfen. Für deine Anstrengungen bist Du reichlich belohnt worden.

  6. Lieber Helmut, fein, dass du an meinen Erlebnissen teilhast und ich dir mit meinem Reisebericht ein paar angenehme Minuten bereiten kann.

    Bewusstes Meditieren würde ich es vielleicht nicht nennen. Ich für meinen Teil war aber so sehr mit dem physischen Grenzgang beschäftigt, und das holt einen gedanklich vollkommen aus dem üblichen Karussell heraus. Dinge, die einem im Alltagstrott furchtbar wichtig erscheinen, sind auf einmal ganz weit weg. Man erkennt, es gibt existenziellere Sorgen, als beispielsweise welche Schuhe zum violetten Rock passen und ob Kollege x gerade eine Affäre mit Kollegin y hat. Es klingt schräg, aber die körperlich extreme Erfahrung hat mir eine geistige Erholung beschert, die sich erst jetzt, zwei Monate nach meiner Rückkehr, voll entfaltet.

  7. Es heißt immer, Sand sei gelb, Schnee sei weiß. Auch so eine Verallgemeinerung. Ich habe schon schwarzen Sand gesehen, und neulich an den Hängen des Großglockners lilafarbenes Eis. Der Schnee nimmt am Tagesrand eine Reihe ganz überirdische Farben an, man braucht nur hinlänglich früh aufzustehen. Danke Regina, dass Du Deine illustren Reise-Erfahrungen hier mit uns teilst! An das Video-Experiment solltest Du bei Gelegenheit anknüpfen, es wirkt sehr ruhig und gelassen. Der dominierende Eindruck beim Blick durch die Autofenster ist: Hitze!

  8. Ja, diese Farbwelten … ich könnte mich ja stundenlang darin verlieren, solche Dinge zu beobachten … froh, mit eigenen Augen zu sehen, mit eigenen Sinnen zu spüren, dass Allgemeineinschätzungen nicht das non plus ultra sind ;-).

    Wie du dir denken kannst, ist es mit den Klimaanlagen in marokkanischen Autos nicht weit her. Ich kann dir versichern, es war im Auto mindestens gleich heiß wie draußen. In der Wüste war ich dann richtig froh um den Turban. Die Berber wissen schon, warum sie die elendslange Stoffbahn so hoch wie möglich auf ihrem Kopf auftürmen.
    Danke für dein motivierendes Feedback, ich werde versuchen, die Video-Experimente fortzusetzen.

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