FAMILIENFOTOS EINST UND JETZT

WAS FAMILIENPORTRAITS ERZÄHLEN

von | 13. März 2015

Ein Fotograf verirrte sich damals nur alle heiligen Zeiten in jene Täler, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Wer es sich finanziell leisten konnte, kam zum vereinbarten Sammelplatz, wo der Fotograf sein tragbares „Studio“ aufgebaut hatte. So selten wie diese Anlässe waren, so kostbar waren sie auch. Und dementsprechend sorgfältig und detailreich wurden sie inszeniert. Rückblickend gesehen, war das Jahr 1914 in vielerlei Hinsicht ein guter Zeitpunkt für ein Familienportrait.

Eine Fotografie aus dem Fundus meiner Familie und der Auftrag für ein Familienportrait ließen mich darüber nachdenken, wie sich der Entstehungsprozess solcher Portraits abseits der technischen Entwicklung von der Balgenkamera zur digitalen Spiegelreflexkamera verändert hat.

Familienportraits einst und jetzt

Mutter Hemma war zur Entstehungszeit des Fotos einundvierzig Jahre alt, neun Jahre jünger als ihr Mann Josef, und hatte bis dahin sieben Kinder zur Welt gebracht. Aus ihren Augen strahlen uns Ernsthaftigkeit und Güte entgegen und trotz aller Mühsal auch Ausgeglichenheit, Reife und Optimismus. Die vierjährige Tochter Barbara sitzt auf ihrem Schoß und verhält sich für ein Kind dieses Alters ausgesprochen artig. Wie ihre fünf Töchter, trägt Mutter Hemma das „Bäurische Gewand“, ein traditionelles Gewand im Kärntner Lesachtal, das Kleid aus dunklem Baumwollstoff geschneidert, die Schürze aus Seide. Das „Bäurische Gewand“ war kein Alltagskleid, man trug (und trägt es auch heute noch) zu besonderen Anlässen. Auch die Männer haben sich mit ihrem besten Gewand gekleidet. Josef, der Älteste, ist bei der Aufnahme 21 Jahre alt. Die helle Lodenjacke mit Pelzkragen lässt uns erahnen, dass er einen etwas progressiveren Kleidungsstil bevorzugt als Vater und Bruder.

Besonders stolz ist die Bauersfrau offenbar auf ihr kleines Täschchen, das sie bei sich trägt. Es soll wohl ausdrücken – ebenso wie die Pfeifen, die Vater und Sohn Josef präsentieren – man ist kein „Keuschler“, sondern hat sich durch redliche Arbeit die eine oder andere Annehmlichkeit leisten können. Keinesfalls will man mit diesen Accessoires angeberisch wirken. Darauf deutet auch ein weiteres Accessoir hin, das die achtjährige Anna (vordere Reihe, rechts außen) bei sich trägt. Sie hält in ihrer rechten Hand ein Gebetbsbuch, das den Glauben und die Demut der Familie widerspiegelt.

Verstärkt wird diese Botschaft noch durch ihre aufrechte, disziplinierte und etwas verkrampft wirkende Körperhaltung, bei der sie den linken Arm quer über ihre Hüfte legt als sei ihr gerade schlecht. Eine Inszenierung, die künstlich wirkt. Viel entspannter und gelöster wirkt ihre Schwester Hemma (hintere Reihe, rechts außen), die schüchtern lächelt und ihr die Hand auf die Schulter legt. Da auch Thomas seinem Bruder Josef die Hand auf die Schulter legt, können wir davon ausgehen, dass es sich hierbei um eine Inszenierung des Fotografen handelt. Sie soll den Kreis, die Geborgenheit und das Füreinander-Da-Sein innerhalb der Familie ausdrücken. Vater Josef wirkt ernst und müde. Ahnt er, dass sein Ältester schon bald in den Krieg ziehen wird?

Die Familie hat sich offenbar intensiv damit beschäftigt, welche Botschaft sie auf dem Bild vermitteln möchte. Danach haben sie Kleidung und Accessoires ausgewählt, bevor sie sich auf den Weg vom Berg ins Tal machten. Ich frage mich unweigerlich, wer sich in Zeiten von Smartphone, permanenter digitaler Selfie-Inszenierung, Facebook und Instragram noch die Frage stellt, wie er auf einem Bild wirkt. Was – abgesehen von Selbstdarstellung – die Botschaft vieler Bilder sein soll, die öffentlich zugänglich gemacht werden.

Und auch der Fotograf scheint im Jahre 1914 eine konkrete Vorstellung von der Aufnahmesituation gehabt zu haben, was der Aufbau und seine „Regieanweisungen“ zur Körperhaltung bestätigen. Das Timing sowie die Fragen, wohin und wie man genau schauen soll, wenn der Fotograf den Auslöser drückt, waren damals eine echte Herausforderung und sind es auch noch heute. In einer tiefsinnigen, ernsthaften Grundstimmung verlassen wir hier nun meine Ahnen und reisen ins 21. Jahrhundert zum Familienfoto-Shooting.

Die Vorgabe lautet: Nostalgisch wirkendes Familienportrait in schwarzweiß, in dem nicht nur die Eltern und ihre vier Kinder abgebildet werden, sondern auch ihr bodenständiges bäuerliches Umfeld seinen Ausdruck findet. Für entsprechend festliches Styling will Mama Helene Sorge tragen.

Das oben beschriebene Familienfoto hatte ich nicht unmittelbar vor meinem geistigen Auge, und so dachte ich in der Vorbereitung der Aufnahme auch überhaupt nicht daran, irgendwelche Accessoires mit einzubeziehen. Was sollen wir in dieser Zeit, in unserem Kulturkreis, wo die meisten Menschen materiell gesehen alles haben, es in diesem Sinne kaum mehr etwas „Besonderes“ gibt, auch mit einbeziehen? Einen Flatscreen? Ein Smartphone? Klingt grotesk. Im Sinne eines dokumentarischen Anliegens hätte das aber meiner Meinung nach seine Berechtigung. Sollte ich wieder einmal die Gelegenheit haben, ein Familienportrait zu fotografieren, werde ich einige Familienmitglieder bitten, einen Gegenstand zum Shooting mitzubringen, der ihnen etwas bedeutet. Ob und inwieweit diese Gegenstände dann ins Bild integriert werden, kann spontan entschieden werden. Vor hundert Jahren, so mein Fazit in diesem Punkt, war eine Fotografie jedenfalls nicht nur eine Abbildung der Familie, sondern gleichzeitig auch eine Abbildung des Status, symbolisiert durch verschiedene Gegenstände.

rmu-2474-6-Familienportraits
Gleich geblieben sind über die Zeit einige Rollen innerhalb der Familie. So wie damals der älteste Sohn Josef, hat hundert Jahre später die älteste Tochter, Esther, ihre eigene Vorstellung davon, sich traditionell und dennoch modern zu kleiden und zu stylen. So wie damals Hemma, ist heute Mama Helene glücklich über ihre Familie, verbunden mit einem bescheidenen inneren Stolz. So wie damals Thomas, gibt sich heute der kleine Martin inmitten der „Weiberleut“ eher zurückhaltend und neutral.

Die Grundstimmung im Familienbild anno 2015 ist ungleich gelöster und fröhlicher als hundert Jahre zuvor. Das mag einerseits daran liegen, dass ich meine Models aufgefordert habe, sich nicht zu grießgrämig zu geben. Andererseits gibt es aufgrund der Lebenssituation (Frieden, materieller Wohlstand) heute insgesamt etwas mehr, worüber wir fröhlich sein können, als vor langer Zeit. Schließlich greift mir in dieser Sache Papa Mario – eine Stimmungskanone alter Klasse – unter die Arme, und sorgt mit lockeren Sprüchen für natürlich wirkende Heiterkeit, wie wir hier sehen.

rmu-2484-3-1424-x-2136
Freilich hätte ich in der Nachbearbeitung noch die eine oder andere auffällige Sommersprosse „wegstempeln“ oder versuchen können, die farblich unterschiedliche Stirnpartie von Mario etwas dezenter erscheinen zu lassen. Darauf habe ich bewusst verzichtet. Dies deshalb, weil ich den dokumentarischen Charakter solcher Familienfotos wichtiger finde als einen makellosen Portraitcharakter. Mario’s unterschiedlich helle Stirnpartie erzählt eine Geschichte, die Geschichte eines Bergführers, dessen Wollmütze den oberen Teil der Stirn vor Sonneneinstrahlung schützt.

Wie guter Rotwein oder Käse reifen auch Familienfotos oft erst mit der Zeit.

HIER SCHREIBT

REGINA M. UNTERGUGGENBERGER

Regina wollte schon als kleines Kind Geschichten schreiben. Später, bereits tief im Berufsalltag einer Kommunikationsentwicklerin verankert, wollte sie unbedingt fotografieren. Heute macht sie beides. Sie erzählt Geschichten in Bild und Wort. Geschichten von besonderen Menschen, Plätzen und Begegnungen. Dabei legt sie stets Wert auf die innere Verbindung zu den Menschen, Landschaften und Dingen, die sie portraitiert.

quotation-mark

Das Gegenwärtige ist das Ewige, oder richtiger das Ewige ist das Gegenwärtige, und das Gegenwärtige ist das Erfüllte.

Søren Kierkegaard

REGINA ON AIR

sprechrohr-icon-grau  PR & Media Service

querbelichtet-icon-schwarz   Fotowerkstatt Querbelichtet

facebook-icon-grau    Facebook

twitter-icon-grau    Twitter

vimeo-icon-grau     Vimeo

rss-icon-grau     RSS