Atacama
Someone or other

Gedanken über die Realität und Photoshop

von | 2. April 2016

„Die Realität ist nur eine Interpretation des Gehirns.”

Erich Kasten, Psychotherapeut und Professor für Psychologie am Uniklinikum Lübeck

Mein Gehirn entwirft gern unterschiedlichste Interpretationen der Realität. Darin ist es gut, ob es um Bilder geht oder ganz andere Dinge. In diesem Fall geht es um ein Bild. Aber meine inneren Zensoren werfen mir verächtlich nur ein Wort entgegen: PHOTOSHOP! Ja, ich höre sie brüllen, so sieht die Welt nicht aus, das ist “gephotoshopt”. Mittlerweile sehe ich das ganz gelassen und lehne mich entspannt zurück. Ich mache Bilder und habe nicht bei jedem den Anspruch die sogenannte Wirklichkeit zu dokumentieren. “Aber das ist doch nicht echt” höre ich die Zensoren rufen. Nein, aber “echt” gibt es so richtig sowieso nicht. Jedenfalls nicht, sobald wir ein Bild betrachten, denn es ist nur ein Bild und ein Bild ist niemals die Realität, die ihrerseits wiederum für jeden anders ist. Sehr interessante und lesenswerte Gedanken zum Thema Fotografie und Wirklichkeit hat sich Uwe Scheler in seinem Text “Die photographische Wahrnehmung der Wirklichkeit” gemacht.  Die Kameras sehen nicht wie wir Menschen, auch das ist ein großer Unterschied. Wir sehen z. B. viel detailliertere Abstufungen der Helligkeit, das Auge bzw. das Gehirn gleicht aus. Das kennt jeder, der in einem schummrig beleuchtetem Raum fotografiert. Huch, ist das Bild aber dunkel, so dunkel ist es hier doch gar nicht.

Mit jedem Ausschnitt wählen wir unsere Interpretation, mit jeder Farbgebung, den Kontrasten usw. Das war übrigens schon zur Zeit der analogen Fotografie so und auch da wurde kräftig manipuliert, damit das Ergebnis mit der Vision des Fotografen zusammenpasste, übrigens wurde auch gnadenlos retuschiert.

Photoshop & Co bieten uns die Möglichkeit, Pixel zu bearbeiten. Darin sind diese Programme wirklich gut, wenn man mit ihnen umgehen kann und ich denke, dass (meistens) die am lautesten dagegen wettern, die das nicht verstanden haben und/oder mit ihnen nicht umgehen können. Wenn eine Software mir die Möglichkeit bietet, meine Vision von einem Bild umzusetzen, dann finde ich das großartig. Und nur darum geht es mir manchmal, nicht immer, um meine Visionen. Und wenn ich dazu ein solches Teufelswerkzeug ;-) benutze, dann ist das völlig ok. Und wenn ich manchmal lese: “Das ist nur in Lightroom entwickelt, nix Photoshop”, schmunzle ich.  Als würde Photoshop per se etwas völlig Fremdes aus einem Foto machen und Lightroom hätte eine Art Authentizitätsanspruch :-). Um völlig fremde Welten zu erschaffen, ist ein intensiver Lernprozess und viel Know How  notwendig, welches ich zutiefst bewundere.

Nun, eigentlich wollte ich nur dieses Bild zeigen, aber durch das Geschrei der Zensoren habe ich mich mit Realität und Wirklchkeit in der Fotografie befasst. Sehr interessant und ich las viele Gedanken, die es wert sind, genauer beleuchtet zu werden.

Und wo war nun Photoshop im Einsatz? Eigentlich nur im Retuschieren einer weiteren Person, dem Einfügen einer Farbfläche, die einen leichten Schimmmer im Himmel zur Folge hatte und dem Ausarbeiten einiger Schattenpartien. Entwickelt in LR, b/w-Konvertierung in SilverEfex inklusive selektiver Kolorierung, Feintuning in PS ;-).

CONNY HILKER

Conny wurde wurde ich den frühen Sechzigern in Hamburg geboren und lebt noch heute in dieser wundervollen Stadt. Ihr fotografisches Auge hat einen Hang zur Poesie; und ihr besonderes Interesse gilt der künstlerischen Fotografie. Im Auftragsbereich sind die Entwicklung von Bild-Ideen und deren Umsetzung sowie die Event-Fotografie ihre Stärken, wobei ihr ihre ruhige Beobachtungsgabe zugute kommt.

3 Kommentare

  1. Liebe Conny, zunächst einmal bedanke ich mich bei Dir, dass Du Deinen Beitrag für die Veröffentlichung auf diesem Blog zur Verfügung stellst. Ich freue mich sehr darüber.

    Zum Inhalt Deines Beitrags denke ich mir, dass einfach sehr viele Wege nach Rom führen. Das Argument, mit der Bildbearbeitung verfälsche man die Wirklichkeit, hat sich meiner Meinung nach längst überholt, nicht erst in der Zeit der digitalen Fotografie, sondern schon zu Analogzeiten. Jede/r halbwegs ernst zu nehmende Fotograf/-in ist sich im Klaren darüber, dass er durch seine Art der Wahrnehmung bereits eine subjektive Komponente mit ins Bild bringt.

    Immer wieder überrascht es mich, wie starrsinnig da auch viele Kollegen/-innen in unserer Zunft sind. Jede/r von uns bearbeitet Bilder so intensiv, wie es für ihn und seine Bildvision richtig ist. Aber das heißt ja nicht, dass jemand, der es anders macht, Unrecht hat oder dessen Bilder per se schlecht sind.

    Jedenfalls, mir gefällt dein Bild total gut. Und mich stört der Grad der Bearbeitung dabei überhaupt nicht. Meiner Meinung nach hast du damit die Bildaussage unterstützt … und das ist ja mitunter der Zweck einer Bearbeitung.

  2. Interessante Gedanken, allemal, ich teile die dargelegte Meinung teilweise, habe aber doch einige Einwände. Was für die Kunst gilt und in der Werbung selbstverständlich ist, ist im Journalismus, in der Beweissicherung und in der wissenschaftlichen Arbeit zu Recht tabu.

    Für mich ist die Grenze dort, wo mit dem Werkzeug Fotografie eine Realitätsbehauptung aufgestellt oder dem Betrachter suggeriert wird. Ein gutes Foto ist eines, das seinen Zweck erfüllt. In manchen Fällen gelingt das mit Photoshop besser, in anderen nicht. Und in bestimmten Fällen gelingt es zwar mit Photoshop besser, der Einsatz ist aber ethisch und moralisch nicht vertretbar. Es ist ganz einfach nicht egal, ob ein Foto in der Berichterstattung einer Tageszeitung Verwendung findet oder in einem Lifestyle-Hochglanz-Magazin. Und auch in letzterem entfaltet Photoshop eine Menge Schadenspotenzial bei Leuten, die so aussehen möchten wie auf den Fotos dargestellt und eine Menge Zeit, Geld und Energie darin investieren und daran scheitern müssen. Kurz gesagt: Legitim oder nicht ist nicht der Einsatz eines Werkzeugs selbst, sondern der Zweck, der damit verfolgt wird.

  3. Ich gebe dir, was Bildberichterstattung im Journalismus betrifft, grundsätzlich Recht. Da ist ja auch der Pressekodex, der regelt, dass Pressefotos nicht „gephotoshopt“ und dergleichen werden dürfen.
    Dennoch ist es meiner Meinung nach ein Trugschluss, das nicht „gephotoshopte“ Pressebild würde der Wirklichkeit entsprechen (du weißt, das Kommunikationsmodell deines Namenskollegen …). Es ist eine Wiedergabe dessen, was und wie der Fotograf etwas abbildet, bringt also ein gewisses Maß an Subjektivität per se mit sich.

    Der Zweck, der verfolgt wird, spielt natürlich eine Rolle in Bezug auf die Bildbearbeitung. Wenn ich von der journalistischen Bildberichterstattung absehe, finde ich den Einsatz von Bildbearbeitung aber jedenfalls legitim – wenn es auch, wie du richtig schreibst, ein gewisses Schadenspotenzial birgt.

    Ich für meinen Teil bin in der Nachbearbeitung meistens eher zurückhaltend (Pressefotografie ist sowieso ein anderes Thema). Aber mir gefallen auch viele Bilder, die ganz offensichtlich stärker bearbeitet wurden, als ich es vielleicht tun würde.

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