Was ist dran an der Vampir-Geschichte?

Dracula-Spuk: Mythos und Wahrheit

von | 2. Oktober 2016

PROLOG

Nach Salzburg sollte dieser Postbus fahren. Über die Tauernautobahn. So verheißt es die Aufschrift, die sofort ins Auge sticht. Daneben steht ein „Schibus“. Dessen Chauffeur startet den Motor, der nach einem kurzen asthmatischen Röcheln verlässlich schnurrt. Der Bus fährt ab. Wohin weiß ich nicht. Wie in Trance sehe ich dem Gefährt hinterher als es mit aufgespreizter Heckklappe durch das Tor des Busbahnhofs fährt und im Gewühl des transsilvanischen Verkehrs verschwindet.

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Ungläubig reibe ich mir die Augen. Beim zweiten Hinschauen überzeuge ich mich, dass ich hier richtig bin und der Bus mich zum Dracula-Schloss nach Bran bringen würde. Die Busflotte der Österreichischen Post, mit der ich in den 90er Jahren zur Schule gefahren bin, schaukelt heute Einheimische und Touristen durch die Hügel der Karpaten. Das nenne ich nachhaltige Nutzung. Die händisch zu öffnende Dachluke, die abgewetzten braun-beige gestreiften Sitzgarnituren, der Schaumstoff, der aus  aufgeschlitzten Sitzen quillt – in mir kommt eine gewisse Nostalgie auf.

DIE MARKE DRACULA

Dracula ist in ganz Rumänien allgegenwärtig. In den Souvenirläden gibt es gleich neben kunstvoll gestickten Blusen und Tischdecken Dracula-Tassen, Dracula-T-Shirts, Dracula-Schlüsselanhänger, Dracula-Poster und alles was das Touristenherz sonst noch so begehrt. In einer Bar in Sibiu/Hermannstadt streckt mir ein lebensgroßer Dracula aus Plastik mit blutunterlaufenen Augen, hoch geschlagenem schwarzen Kragen und spitzen weißen Eckzähnen einen Aschenbecher entgegen.

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Dass Schloss Bran weltweit als Dracula-Schloss gilt, dafür gibt es zwei recht banale Erklärungen: Die Kommunisten erkannten das touristische Potenzial und vermarkteten Bran als Dracula-Schloss auf Teufel komm raus. Auch ausländische Touristen wollten die Geschichte von Spukschloss und Vampir treuherzig glauben. Denn obwohl Dracula und Schloss Bran de facto nichts gemein haben, sind manche Touristen-Legenden einfach zu schön, als dass sie die nackte Wirklichkeit zerstören könnte.

MYTHOS UND WAHRHEIT

Fürst Vlad III. machte posthum als Graf Dracula Karriere. In vielen rumänischen Erzählungen ist von einem unbeugsamen Fürsten die Rede, der streng aber gerecht über sein Volk herrschte. International geläufig ist hingegen die Geschichte des blutsaugenden Vampirs, der nachts auf einem schaurigen Schloss in den Karpaten sein Unwesen trieb. Gehen wir zunächst den Fragen nach, was davon wahr ist und wie Fürst Vlad III., Graf Dracula und Schloss Bran zusammenhängen.

Der reale Fürst Vlad III. (1431-1476) war Fürst der Walachei. Sein Vater trug als Mitglied des sogenannten Drachenordens, welcher für den Schutz der Christenheit gegen das Osmanische Reich kämpfte, den Beinamen „Dracul“ (Drache). Folgerichtig war Vlad III. dann der „Sohn des Drachen“ (Draculea). Bedauerlicherweise ist Vlads Vater irgendwann gegen die Osmanen ganz klassisch „umgefallen“, wie man in der Politik so schön sagt. Der Drache wurde Vasall der Osmanen und überließ ihnen seinen Sohn als Faustpfand. Im Stich gelassen, eingesperrt und gefoltert lernte Vlad also schon als Knabe, seine Umwelt gründlich und nach allen Regeln der Kunst zu hassen. Als sein Vater dann verblichen war, setzten ihn die Türken auf den Thron. Keine Ahnung, was sie sich davon versprachen. Vlad dachte jedenfalls nicht daran, Handlanger der Türken zu sein. Er verweigerte ihnen den Tribut, lieferte sich unerbittliche Schlachten mit den osmanischen Heeren und pfählte seine Feinde – ob Osmanen oder Kriminelle aus den eigenen Reihen. Diese Praxis hatte er im Osmanischen Reich gesehen und brachte ihm den Beinamen „Vlad, der Pfähler“ ein.

Dann gab es da schließlich einen fantasiebegabten irischen Schriftsteller, Bram Stoker, der den Ruf des blutrünstigen Fürsten für seine Kunstfigur des Grafen Dracula zum Vorbild nahm, obwohl Stoker selbst niemals in Rumänien gewesen war. Genausowenig war übrigens der historische Fürst Vlad III. jemals auf Schloss Bran gewesen. Stoker ließ weitere Elemente aus dem Volksglauben des Karpatenraums in seine Geschichte mit einfließen: Legenden von Untoten, die nachts aus ihren Gräbern aufstehen und Menschen anfallen sowie Wesen, die tagsüber scheinbar normale Menschen sind aber nachts ihren Körper verlassen, um größtmöglichen Schaden anzurichten.

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Aus saftigen grünen Wäldern erhebt sich mitten auf einem Felsen das sagenumwobene Schloss Bran. Kein anderer Bau in Transsilvanien passt so gut auf Bram Stokers Romanbeschreibung von Draculas Spukschloss. Stoker selbst hat Schloss Bran allerdings nie als Schauplatz seines Buches genannt.

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Von außen ist es ein schönes Schloss! Nur eben historisch gesehen kein Dracula-Schloss.

Warum ich da trotz der romantischen Türmchen und Treppen, steil und verwinkelt, trotz des malerischen Innenhofs und des kunstvollen Handewerks nie mehr in meinem Leben hinfahren oder die Besichtigung des Schlosses empfehlen will, davon soll in meinem nächsten Beitrag die Rede sein.

Fortsetzung folgt!
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REGINA M. UNTERGUGGENBERGER

Regina wollte schon als kleines Kind Geschichten schreiben. Später, bereits tief im Berufsalltag einer Kommunikationsentwicklerin verankert, wollte sie unbedingt fotografieren. Heute macht sie beides. Sie erzählt Geschichten in Bild und Wort. Geschichten von besonderen Menschen, Plätzen und Begegnungen. Dabei legt sie stets Wert auf die innere Verbindung zu den Menschen, Landschaften und Dingen, die sie portraitiert.

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Das Gegenwärtige ist das Ewige, oder richtiger das Ewige ist das Gegenwärtige, und das Gegenwärtige ist das Erfüllte.

Søren Kierkegaard

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