Den Daheimgebliebenen etwas mitbringen

SOUVENIRS, SOUVENIRS …

von | 28. Juli 2016

Prolog

Der 55+10 Liter Rucksack ist bis oben hin gefüllt, und trotz aller ergonomischen Vorteile, deren mich der Verkäufer versicherte, schmerzt der Rücken. Die Verspannungen im Nacken blende ich mit einem gequälten Lächeln geflissentlich aus, während ich am Abreisetag zum gefühlten tausendsten Mal den Rucksack am Check-in-Schalter des Flughafens von Tromsö abstelle und anschließend wieder hochstemme. Natürlich mit geradem Rücken. Nicht, dass zuletzt noch eine Bandscheibe flöten geht. Im Grunde müsste ich mir ernsthaft die Frage stellen, ob ich all das Foto-Equipment im Rucksack auf meiner Fact-Finding-Mission in Norwegen brauche. Andererseits: Lieber Kreuzschmerzen als womöglich das „optimale“ Objektiv für eine bestimmte Situation nicht dabei zu haben. In Gedanken bewundere ich all die Fotografen, die ihr Equipment auf Reisen besser reduzieren können als ich bzw. die sich dank ihrer Körpergröße und Kraft mit gut gefüllten Rucksäcken leichter tun als ich 1,65 m Schlumpfine. Doch das ist eine andere Geschichte.

Souvenirs und Identität

Das Platzproblem im Rucksack, das es auch schon vor meiner Zeit als Fotografin gegeben hat, geht stets mit der Auswahl von Reisesouvenirs und Mitbringseln einher. Die dürfen nicht zu sperrig sein und auch nicht zu viel Platz beanspruchen. Trotzdem sollen sie einen gewissen Wert haben und untrennbar mit dem bereisten Land verbunden werden. Die Tajine-Pfanne aus Marokko wäre zweifellos ein Hit gewesen, allein zerbrechliche Materialien scheiden für mich von vornherein aus. Hat ja kein Mensch etwas davon, wenn ich zuhause Scherben aus dem Rucksack auspacke. Deshalb nehme ich schließlich eine vom Berbervolk handgefertigte silberne Halskette mit, auf deren einzelnen Medallions das Kreuz des Südens eingeritzt ist.

Doch zurück zum Flughafen in Tromsö. Während ich für www.leisespuren.at das Programm für eine Fotoreise zusammen gestellt hatte, war keine Zeit geblieben nach Souvenirs zu suchen. Deshalb habe ich mich auf einen violett gefärbten Seeigel und eine Muschel beschränkt, die ich während einer Erkundungstour nahe Hamneidet gefunden hatte. Gut eingewickelt und verpackt in einer Jausendose sollte Beides die Reise zurück nach Osttirol wohlbehalten überstehen. Der Seeigel ist nun prominent in meinem Wohnzimmer platziert, gleich neben der Flöte aus Walnußholz, die ich vor Jahren einem bosnischen Händler abgekauft hatte.

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Wenn ich genauer darüber nachdenke, so ist der violette Seeigel eher ein Andenken, ein intimes Erinnerungsstück an einen bestimmten Moment – im Gegensatz zum kommerziell erworbenen Souvenir.

Souvenir oder Alltagsgegenstand?

Während ich mich beim Betrachten des norwegischen Seeigels oder der gepressten Blätter und Blumen, die mir immer mal wieder aus meinen Büchern entgegen flattern, an einen sehr persönlichen Moment erinnere, verlieren manche meiner Souvenirs ihre Erinnerungsfunktion mehr oder weniger schnell und mehr oder weniger stark. Das Tuch aus Amsterdam, der orange-grüne Rock im Hippie-Look oder der zeitlose dunkelblaue Hut aus Guca sind für mich schnell zu Alltagsgegenständen geworden. Ich denke kaum noch daran, wann und wo ich sie erworben habe.

Souvenirs als Symbol der Selbstfindung

Sommerzeit ist in den Alpentälern Heuzeit. Selbst wenn es sich meine Eltern hätten leisten können, mit uns sieben Kindern auf Urlaub zu fahren, wäre das zeitlich schwierig gewesen. Ich habe das als Kind und Jugendliche auch nie vermisst, denn wenn man etwas nicht kennt, vermisst man es auch nicht unbedingt. Ende Zwanzig, das Diplomstudium war abgeschlossen, ich hatte zum ersten Mal eine Festanstellung. Vom ersparten Geld gönnte ich es mir, zum ersten Mal in meinem Leben Ferien zu machen. Auf der Rambla in Barcelona erstand ich damals eine Silberring mit eingefassten roten Glassteinchen, den ich bis heute trage. Denn dieser Ring steht nicht nur für die Reise per se, sondern auch für einen Bruch in meiner Biografie. Zum ersten Mal hatte ich mir etwas leisten können, das ich mir beinahe dreißig Jahre lang nicht leisten konnte. Dieser Ring bedeutet für mich: Frei sein.

Bilder als Souvenirs

Die Luft ist stickig, es stinkt nach Benzin. Ich will gar nicht so genau wissen, wieviel Grad es hat, und genehmige mir ein Jelen Bier, während mein siebzehnjähriger Neffe und ich auf der Rückreise vom Guca-Trompetenfestival in Belgrad auf den Bus in Richtung Wien warten. Der Knabe wirkt nervös. Darauf angesprochen, erläutert er mir die Problematik. Er müsse jetzt noch zack-zack irgendwo ein Mitbringsel für eine von ihm verehrte Dame auftreiben. Worauf denn Frauen stehen, fragt er mich. Ohrringe vielleicht? Oder ein Armband? Ich rate ihm, er solle ihr doch eine Ansichtskarte mit einem persönlichen Text schreiben. Sein Blick drückt irgend etwas zwischen Ungläubigkeit und Verstörtheit aus. Schließlich beherzigt er meinem Rat aber doch. Er zieht die Mühe des Kaufes von Karte und Marke, das Formulieren ein paar persönlicher Gedanken und das Finden eines Postkastens einem 08/15 Armband made in China sowie einer lapidaren Wasserstandsmeldung via Whatsapp vor. Die Sympathie der betreffenden Dame war jedenfalls schnell erobert, wie er mir nach einigen Wochen berichtete. So etwas hätte sie noch von keinem Verehrer bekommen.

Bilder, ob in Form von Postkarten oder selbst gemachten Fotos, sind wohl eines der beliebtesten Reiseandenken bzw. „Mitbringsel“. Egal, ob sie der Erinnerung, der Kommunikation, der Selbstdarstellung, der Legitimation des Reisens oder dem Familienkult dienen. Einst klebte man Fotos in Alben oder bewahrte sie in Kuverts und Schachteln auf. Heute packen wir sie auf die Festplatte, wo sie oft lange Zeit nicht mehr wahrgenommen werden. Doch auch Fotobücher, die selbst ein Laie mit bereitgestellter Software gestalten kann, haben Hochkonjunktur. Die Adelung eines Bildes ist freilich, als Vergrößerung und gerahmt von der Wohnzimmerwand zu grüßen.

Ob Fotobuch, als Bildschirmhintergrund oder auf Instagram, letztlich drücken diese bildlichen Andenken aus: Es war schön! Deshalb finde ich es in diesem Moment gar nicht schlimm, kein typisch norwegisches Souvenir gefunden zu haben. Denn ich habe viele Bilder mit nachhause gebracht, die mich an die intensive Planungsphase zu einer Fotoreise erinnern und die mich ebenso sehr berühren wie meine Silberkette aus Marokko.

Hier sind ein paar davon:

Mittlerweile sind wir in Oslo angekommen, wo unsere fünfköpfige Reisegemeinschaft nach rund zwei Stunden Aufenthalt noch mal umsteigen muss. Es duftet nach frischem Kaffee, Croissantes und Plundergebäck. Ich nutze die Zeit, um an einem Kiosk Postkarten und Marken zu kaufen. Die allgemeinen Gespräche drehen sich gerade um Skibindungen und aktuelle Trends in der Tourenskiszene. Wortlos setze ich mich mit den soeben erstandenen Postkarten  an den Tisch und beginne zu schreiben. Meine Reisegenossen fragen mich, ob mir das nicht zu mühsam wäre. Ihr Blick verrät irgend etwas zwischen Ungläubigkeit und Verstörtheit ….

HIER SCHREIBT

REGINA M. UNTERGUGGENBERGER

Regina wollte schon als kleines Kind Geschichten schreiben. Später, bereits tief im Berufsalltag einer Kommunikationsentwicklerin verankert, wollte sie unbedingt fotografieren. Heute macht sie beides. Sie erzählt Geschichten in Bild und Wort. Geschichten von besonderen Menschen, Plätzen und Begegnungen. Dabei legt sie stets Wert auf die innere Verbindung zu den Menschen, Landschaften und Dingen, die sie portraitiert.

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Das Gegenwärtige ist das Ewige, oder richtiger das Ewige ist das Gegenwärtige, und das Gegenwärtige ist das Erfüllte.

Søren Kierkegaard

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