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Reportage im Schwabencenter Augsburg

Unter einem Dach

von | 20. Juli 2016

Ich fahre jeden Tag auf dem Weg zu meiner Arbeit mit dem Zug daran vorbei: Das Schwabencenter. Drei riesige Betonklötze mit 20 Stockwerken. Die größte Wohnanlage in Augsburg. 1200 Menschen wohnen in dem 1971 errichteten Gebäudekomplex mit integriertem Einkaufszentrum und riesigem Parkdeck. Die ganz im Stil von Le Corbusier gehaltene Architektur – aus Stahl und Beton gebauter Wohnkomplexe mit einheitlichen Wohneinheiten- galt in den 70er Jahren als praktisch und modern. Doch das Gebäude ist in die Jahre gekommen, die Fassade ist grau und schmutzig, das Parkdeck ist sanierungsbedürftig und gesperrt, in der Einkaufszeile findet man nur noch Billigketten, Schnellimbisse und Handyshops.

Ein bunter Mix an Menschen und Kulturen leben hier „unter einem Dach“ zusammen. Ein Mikrokosmos mit Straßenbahnanschluss. Faszinierend und bedrückend zugleich. Mich interessiert: Wer wohnt hier? Ich möchte es herausfinden.

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Ich werfe in 600 Briefkästen ein Infoblatt ein, und bitte die Bewohner um ein kurzes Fotoshooting in ihrer Wohnung. Die Reaktion darauf ist nicht sehr ermutigend. Es melden sich nur ganz wenige, die bereit sind, mich in ihre Privatsphäre eindringen zu lassen. Die Bewohner sind skeptisch, ängstlich oder einfach nur desinteressiert. Ich stelle mich stundenlang vor die Eingänge und spreche die Menschen an, die aus dem Hochhaus rauskommen oder rein gehen.

Ich versuche mein Projekt zu erklären und Vertrauen aufzubauen. Langsam öffnen sich die Wohnungstüren für mich und ich lerne ein buntes Spektrum an Menschen und Wohnungen kennen.

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Von dem einfach eingerichteten Einzimmerappartment mit 30 m² bis hin zur luxeriös eingerichteten 8 Zimmer Wohnung mit 200 m² Wohnfläche. Von der lichtdurchflutetenden Wohnung im 19. Stock bis zur fensterlosen Wohnung im Keller. Ich fotografiere ohne Regieanweisungen. Jeder darf sich von mir so ablichten lassen wie er gerne möchte. So entstehen Bilder, die viel über die Menschen und ihre Wohnungen zu erzählen haben.

STEFAN SONTHEIM

Stefan fotografiert seit den 1980er Jahren voller Leidenschaft. Fotografieren bedeutet für ihn Entspannung, Meditation, Konzentration und Freude schenken. Er lebt mit seiner Frau und den beiden Töchtern in Augsburg und hat dort ein kleines Fotostudio. Er beschäftigt sich fotografisch mit Menschen, Gegenständen und Architektur.

5 Kommentare

  1. Lieber Stefan, zunächst freue ich mich, dass du mit an Bord bist! Ich bin überzeugt, deine Beiträge werden unser Blog bereichern.
    Zu deinem Beitrag: Ich kann mir richtig gut vorstellen, dass du in der Vorbereitungsphase hinter den Menschen her sein musstest wie der Teufel hinter der armen Seele. Dein Einsatz hat sich jedenfalls gelohnt. Es ist eine wirklich ganz, ganz tolle Serie geworden. Erstaunlich, wer so alles unter einem Dach sein kann. Vor allem: Friedlich miteinander sein kann. Gegensätzlich, verschieden – und doch gibt es eine gemeinsame Klammer.

  2. Wieder ein Beitrag, zu dem ich eine persönliche Nähe habe, bin ich doch in einem Haus aufgewachsen, das 1968 entstanden ist und große Ähnlichkeiten aufweist, wenn auch nur sieben Wohngeschosse vorhanden sind. Sich in seinen Privaträumen vor fremdem und anonymem Publikum zu präsentieren, erfordert Mut. Es im wahrsten Sinn ein Blick hinter die Fassade, der hier gewährt wird.
    Von Le Corbusier weiß ich zumindest, dass er es für die Aufgabe der Bewohner hielt, in standardisierten Grundrissen Individualität zu entfalten. Vor 50 Jahren gab es noch Utopien, wenn sie auch unter Kostendruck verwässert wurden und viele Irrtümer enthielten. Aber was ist heute?

    Manchmal erscheint es mir, dass viele der Bauten, die nur wenige Jahre später in der Zeit der Postmoderne entstanden sind, viel schneller gealtert sind. Die viel geschmähten Plattenbauten sind vielleicht doch besser als ihr Ruf.

  3. Tolles Projekt! Ich finde Blöcke wie das „Schwabencenter“ faszinierend. Von außen wirken sie kühl, aber unglaublich welche vielfalt sich darin verbirgt. Danke, dass Du Deine Fotoeindrücke mit uns teilst!

  4. Ganz toller Beitrag und ein tolles Projekt.
    Aus Anonymität wird Nähe.
    Danke dafür

  5. Vielen Dank für eure positiven Kommentare. Das gibt mir wieder Energie für ein nächstes Projekt. Die Arbeit mit Menschen / über Menschen ist spannend und fordernd zugleich. Viel Inspiration für die Umsetzung von euren nächsten Ideen…

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