Kreta
Sibirien #3

Sibirskiye zabory

von | 24. September 2015

Im Gegensatz zur endlosen Weite der sibirischen Tiefebene prägen in den wenigen Dörfern und Kleinstädten Gartenzäune das Straßenbild. Jedes Haus wird zur Straßenseite hin durch einen meist massiven Zaun abgeschirmt.

Die Materialvielfalt ist durchaus beeindruckend und erstreckt sich von Holz, über Wellblech und Schmiedeeisen bis zu Beton. Grelle, bunte Farben und zierliche Ornamente ziehen die Blicke an, und bringen Abwechslung in die grauen, staubigen Straßen. Offensichtlich scheint es besonders wichtig zu sein, dass der Zaun keine Blicke durchlässt. Die Gartenzäune wirken auf mich wie kleine Befestigungsanlagen, die nicht nur vor Eindringlingen schützen, sondern auch jegliche Ein-Blicke in die Privatsphäre verhindern. Dieser Eindruck verfestigt sich in Gesprächen mit den Menschen, wobei immer wieder offensichtlich wird, dass die Jahrzehnte der staatlichen Repression, Willkür und Bespitzelung ein tiefes Misstrauen hinterlassen haben. Dazu kommt, dass es nicht nur Vertretern der staatlichen Gewalt schwerfällt, Privatsphäre und Individualität zu respektieren sowie die grundsätzliche Integrität des Individuums ernst zu nehmen. Eine Frau erzählt mir, dass es durchaus üblich ist, dass man am Postamt bei der Aufgabe eines Pakets den Inhalt auspacken muss, weil die Postbediensteten kontrollieren, dass keine unerlaubten Gegenstände aufgegeben werden. Das erfolgt selbstverständlich vor allen anwesenden Bediensteten und Kunden; was erlaubt ist, bestimmt die Postmitarbeiterin!

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Ich habe das Gefühl, dass die Zäune neben dem tatsächlichen – meist geringen – Schutz vor allem ein Ausdruck des Wunsches sind, die Privatsphäre und die Freiheit des Menschen zu beachten.

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KLAUS SPIELMANN

Als ausgebildeter Geograf und Geoinformatiker beschäftigt sich Klaus insbesondere mit räumlichen Phänomenen. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um natürliche, durch den Menschen gestaltete oder auch virtuelle Räume handelt, auf die er sich als Geograf, Raumplaner, Geoanalytiker, Kartograf oder Fotograf einlässt.

4 Kommentare

  1. Vor allem die verschiedenen Türkis-Töne faszinieren mich. Der Text ist präzise und effektiv, wie seine Vorgänger.

  2. Die Serie ist wirklich sehr gut: originelle Idee, gewählte Bildausschnitte, frische fröhliche Farben. Wenn es noch mehr Bilder zu diesem Thema gibt, würde ich ein Buch und eine Ausstellung empfehlen zu machen… Ich habe jedoch meinen Zweifel am politischen Kommentar zur Serie. In Russland gibt es oft Hauseinbrüche.

  3. Danke für die positiven Rückmeldungen.

    Ich sehe den Beitrag nicht als politisches Kommentar. Ich gebe hier nur meine persönlichen Eindrücke wider, die ich während des kurzen Aufenthalts in Sibirien gewinnen konnte. Dabei hat sich allerdings in mehreren Gesprächen mit Menschen leider immer wieder gezeigt, wie sehr ihnen die Angst vor Schikanen und Repressionen in den Knochen sitzt. Die Zäune sind für mich somit ein gebautes Symbol dieser Angst, das ich versucht habe fotografisch zu beleuchten. Dass die Zäune primär einen praktischen Nutzen haben, stelle ich nicht in Frage.

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