Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang

IM REICH DES MARSCHALL #1

von | 13. September 2019

Im Mai 2018 wurde ich gefragt, ob ich auf eigene Kosten und eigenes Risiko an einer Geschäftsreise teilnehmen wolle, und zwar nach – NORDKOREA.

So etwas ist Aphrodisiakum für mich. Egal um welchen Preis, ich musste dabei sein. Einmal in dieses Land reisen! Sofort wird Wikipedia befragt: die Demokratische Volksrepublik Nordkorea hat rund 24 Mio. Einwohner, die Hauptstadt Pjöngjang rund 3,3 Mio. Einwohner.

Wir flogen von Wien nach Peking und von da weiter nach Pjöngjang. Nach Peking gelangt man mit Austrian Airlines, Lufthansa usw. Von Peking nach Pjöngjang gibt es nur noch Air China und Air Koryo, insgesamt sechs Flüge pro Woche, Flugdauer knapp zwei Stunden.

Am Flughafen Pjöngjang wird das Gepäck durchleuchtet (man sollte möglichst keine Druckwerke mitbringen). Mobiltelefon, Tablet, Laptop sind zu Kontrollzwecken abzugeben. Codes für die Geräte werden von den BeamtInnen nicht benötigt; wie das im Detail gemacht wird, bleibt eines der vielen Geheimnisse dieses rätselhaften Landes. Nach der Überprüfung bekommen wir unsere elektronischen Geräte wieder zurück, auch die Mobiltelefone. Viel nützen sie nicht, sie funktionieren im Land nicht. Auch Internet ist nicht verfügbar, lediglich eine Art Intranet für die Bevölkerung. Internetzugang gäbe es ausschließlich für die geistige Elite des Landes.

Unmittelbar nach der Kontrollstation erwarten uns die Guides. Ohne Guides …. gäbe es Schwierigkeiten der besonderen Art. Ich habe das bei meiner zweiten Reise nach Nordkorea erlebt, aber das ist eine andere Geschichte.

Unsere Guides begrüßen uns, stellen sich vor. Makelloses Deutsch von deren Seite. Kim zum Beispiel hat in Wien studiert, während seine Eltern am nordkoreanischen Konsulat in Wien tätig waren. Er ist jung, sportlich, charmant.

In meinem Kopf läuft noch das tragische Schicksal des Amerikaners Warmbier ab. Ich sage zu Kim: „Ich bin hier um zu fotografieren. Sagst du mir, wann ich nicht darf?“ Kim: „Du kannst alles fotografieren, solange ich nichts sage.“

Er hat nie etwas gesagt.

Wir werden zu unserem Hotel gebracht, dem Yanggakdo International Hotel. Bombastisch von außen und die Eingangshalle bis zur Rezeption! Die Zimmer im Vergleich dazu eher schlicht, aber in Ordnung.

Nordkorea 1

Nordkorea 2 Reisereportage

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Wir essen im Hotel im obersten Stockwerk mit den Geschäftspartnern zu Abend, das Restaurant ist vergleichbar mit dem Donauturm in Wien.

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Leider ist der Drehantriebsmotor defekt. Trotzdem bietet sich für uns eine beeindruckende Aussicht auf das nächtliche Pjöngjang. Von starker Lichtverschmutzung kann hier nicht die Rede sein …..

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Das Essen ist hervorragend aber teuer. Wir laden auch unsere Guides ein, die zugleich als Dolmetscher fungieren.

Danach werden wir zu den Aufzügen begleitet. Dass unsere Guides verpflichtet sind, im gleichen Hotel wie wir zu nächtigen, habe ich erst später begriffen.

Zwei Teilnehmer unserer Delegation wollten noch in die Stadt. Beim Ruf nach einem Taxi an der Rezeption standen statt eines Taxifahrers die Guides vor ihnen. Eine Fahrt in die Stadt sei sinnlos, denn es gibt keine Bars, keine Nachtklubs, keine Discos.

Geschäftsmeeting am nächsten Morgen. Kim als Guide und Dolmetscher eröffnet das Gespräch: „Sie haben bestimmt sehr viel Negatives über unser Land gehört“. Ich denke kurz nach und antworte: „In letzter Zeit auch Positives durch Ihre Annäherung an den Westen“. Das wurde offenbar gut aufgenommen, der Mimik nach zu urteilen. Aber wer weiß?

 Abseits der geschäftlichen Besprechungen werden wir durch die Stadt und zu einigen Hotspots gefahren. Faszinierend die Straße des Sports: eine top moderne Megahalle neben der anderen: für Boxsport, für Basketball, für Tennis, für Leichtathletik … die Tischtennishalle fasst 10.000 Personen. Sport wird ganz groß geschrieben.

Die Stadt hat viele Grünanlagen und top moderne Gebäude, jedenfalls bekommen wir (nur?) das zu sehen.

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Am Abend haben wir Kim gefragt, wie sich die jungen Leute in Pjöngjang kennenlernen, wenn es keine Diskos, keine Bars, keine Nachtlokale gibt: hauptsächlich beim Sport, outdoor wie indoor.

Während unseres Aufenthaltes konnten wir Massen von Menschen beobachten, die, alle weiß gekleidet, auf riesigen Plätzen Tanz- und Turnvorführungen übten, die im September 2018 beim Fest zum 70. Jahrestag der Staatsgründung aufgeführt werden sollten. Das muss ein überwältigendes Schauspiel gewesen sein. Man findet im Internet zahlreiche Fotos von diesem Event, auch Videos wie zum Beispiel https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/nordkorea-demonstriert-bei-seiner-jubilaeumsfeier-das-ende-der-isolation-15779324.html.

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Ich habe trotz vieler Gespräche mit den Guides in diesen vier Tagen leicht voneinander abweichende Aussagen zum herrschenden System gehört: Laut Kim gibt es null Prozent Arbeitslosigkeit. Jeder hat einen Job. Man bekommt kein Geld dafür. Aber jeder bekommt eine Wohnung, für die er nichts zu bezahlen braucht, auch nicht für Strom, Wasser, etc. Jeder bekommt genug zu essen.

Smartphones und andere Luxusgüter kann man über zusätzliche Fleißaufgaben erwerben. Mit Sonderleistungen wie zum Beispiel Überstunden im Betrieb oder zusätzlichen Arbeitsleistungen.

Ein anderer Guide hat uns hingegen erzählt, dass ein kleiner Teil des Lohns wohl in Geld ausbezahlt werde, der Großteil aber in oben beschriebenen Sachleistungen.

Wir hätten sehr gerne einen koreanischen Won als Souvenir mitgenommen. Keine Chance. Bezahlt werden muss in Cash, Euro oder US Dollar. Kreditkarten werden nicht genommen.

Allmählich wachsen wir mit Kim zusammen, so sehr, dass wir ihn fragen “wieso bewacht ihr uns?“. Das sehen wir seiner Meinung nach aber ganz falsch. Wir werden nicht bewacht, wir werden beschützt. Vor uns selber und vor den Einwohnern, die mit uns nichts anzufangen wissen. Wir sollen mit ihnen keinen Kontakt aufnehmen.

Nun, die würden uns ohnehin nicht verstehen. Und gehen uns aus dem Weg …

Gabriela hat noch eine Reihe von Eindrücken und Bildern im Gepäck. Davon soll im nächsten Beitrag die Rede sein …

HIER SCHREIBT

GABRIELA MAINX

Gabriela hat mit der Fotografie den Wandel vom oberflächlichen Schauen zum intensiven Sehen vollzogen. Denn wer sehen kann, kann auch fotografieren. Sehen lernen, das kann allerdings dauern, sagt Gabriela. Ihr ehrgeiziges Ziel als ambitionierte Freizeit-Fotografin formuliert Robert Bresson: Mach sichtbar, was vielleicht ohne dich nie wahrgenommen worden wäre.

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Zwölf gute Fotos in einem Jahr sind eine gute Ausbeute.

Ansel Adams

GABRIELA ON AIR
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