Semmeringbahn
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Der Zwanzig-Schilling-Blick auf die Semmeringbahn

von | 15. Januar 2016

Das letzte Wochenende vor Weihnachten hat begonnen, in Wien und seiner näheren Umgebung liegt seit Tagen dichter Nebel, während die Wetterseiten im Internet von strahlend sonnigem Bergwetter künden. Ich stelle mir kurz vor bei einem Spaziergang am Sonntag Vormittag die Sonne zu genießen. Die Aussicht, gleichzeitig der hektischen Stimmung, die sich wenige Tage vor Weihnachten überall breit macht, zu entkommen, ist mir sofort sympathisch.

Weil alles, was sonst noch ansteht, warten kann, ist es vom Gedanken zum Entschluss nur ein kurzer Schritt. Das Ziel ist mangels eines eigenen Autos auch schnell ausgewählt: Der Weg entlang der Semmeringbahn verspricht, über der Nebelgrenze zu liegen und ist bequem erreichbar. Kurz vor acht ab Hauptbahnhof, 9:15 Uhr Ankunft in Semmering, kein Umsteigen – komfortabler geht es kaum.

Da sich niemand in meinem Freundeskreis zum Mitkommen überreden lässt, breche ich am frühen Sonntagmorgen allein auf. Der Zug mit Endstation Laibach ist gut ausgelastet. Eine Mitreisende ist ganz erstaunt, dass man  in Semmering einfach aussteigen und wandern gehen kann.

Während der Zug nach dem Payerbach-Viadukt den Hang nach oben schnürt und die Räder die engen Kurven mit deutlichem Quietschen kommentieren, wächst meine Sehnsucht nach der Sonne. Auf halber Höhe ist es endlich so weit: Der Nebel lichtet sich, und gibt den Blick auf Hügel, Wald und Felsen frei. So habe ich mir das vorgestellt.

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Nach dem Aussteigen bläst mir ein kalter Wind um die Ohren und ich beschleunige meine Schritte. Im Wald, so denke ich, ist es zwar nicht wärmer, aber dafür windgeschützt. Der Wind treibt Wolken aus dem Mürztal über die Passhöhe, die sich an einem Gegenhang auflösen. Es ist sehr einsam auf diesem Wanderweg, während dreieinhalb Stunden treffe ich nur ein Dutzend Menschen. Die ganze Gegend wirkt hier still, vom Wirbel im Schigebiet Hirschenkogel ist man auf der Nordseite des Passes gut abgeschirmt. Ich komme an einem der großen alten Hotels vorbei, und denke darüber nach, welchen immensen Wandel diese Gegend durch den Bau der Eisenbahnstrecke vor 160 Jahren erfahren hat.

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Der Zwanzig-Schilling-Blick

Nach einer Stunde Gehzeit erreicht man einen Aussichtsturm, von dem man einen hervorragenden Überblick über die Gegend und die Bahntrasse hat. Der Wind hat nachgelassen, und die Kirchenglocken läuten. Rax, Schneeberg, Schneealpe sind die prominenten Berge, die man von hieraus sehen kann.

Schnee ist nur oberhalb der Baumgrenze zu erkennen. Winzig klein winden sich Züge die Hänge entlang, verschwinden in Tunnels, tauchen wieder auf, gleiten über Viadukte. Im Flachland wälzt sich der Nebel. Eine halbe Stunde später erreiche ich den Zwanzig-Schilling-Blick, eine Aussichtsplattform aus Holz, die nach Nordwesten hin jenen Blick freigibt, der einst (1967 – 1986) auf dem zwanzig Schilling Schein abgebildet war.

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Campingstimmung im Winter

Am nächsten komme ich der Bahn beim Viadukt über die kalten Rinne, gerade rechtzeitig, um einen blau lackierten Railjet zu fotografieren. Eine halbe Gehstunde weiter, mitten auf einer Wiese, hat es sich ein älteres Paar mit einem Campingtisch und einer Flasche Wein gemütlich gemacht – am 20. Dezember! Angekommen am Bahnhof Breitenstein mache auch ich mich auf einer Bank breit, warte auf den Zug und schließe die Augen. Eher fühlt es sich nach Frühlings-, als nach Winterbeginn an. Suchen muss man sie, die Stille, im Advent.“Wenn die stille Zeit vorbei ist, dann wird es endlich wieder ruhiger“, wie der unvergleichliche Karl Valentin einmal bemerkt hat. Auf der Heimfahrt, nach dem Umsteigen in Payerbach, taucht der Zug bei Gloggnitz wieder in den Nebel ein, und ich bin mit meinem Ausflug sehr zufrieden.

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Ein paar Bemerkungen zur Semmeringbahn

Ab 1844 existierte sowohl eine Bahnstrecke von Wien bis Gloggnitz, als auch eine von Süden bis Mürzzuschlag, aber der Pass musste mittels „Schienenersatzverkehr“ – zur damaligen Zeit mit dem Pferdefuhrwerk beziehungsweise der Kutsche – bewältigt werden. Es geht um 21 Kilometer Luftlinie, für heutige Begriffe nicht viel, aber wer an damalige Straßenverhältnisse im Gebirge denkt, wird es sich vorstellen können.

Ab 1854 war die Semmeringbahn der wichtigste Weg von Wien nach Süden – mit einer Leistungsfähigkeit, die revolutionär war. Sie war auch die erste normalspurige Gebirgsbahn Europas, eine organisatorische und technische Pionierleistung. Der leitende Ingenieur war der in Venedig geborene Carl von Ghega.

Die schnelle und komfortable Erreichbarkeit führte zu einer frühen touristischen Blüte, von der heute noch zahlreiche Hotels und Villen Zeugnis geben. Seit 1998 gehört die Semmeringbahn zum UNESCO-Weltkulturerbe. Obwohl die Bahn von Süden bis Mürzzuschlag von Anfang an im Rechtsverkehr geführt wurde und seit 2012 auch zwischen Wien und Payerbach, wird über den Semmering immer noch links gefahren.

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GOTTFRIED JÄGER

Darum geht es in Gottfrieds Fotos: Eine Szene, eine Stimmung, eine Wahrnehmung in ein Bild fließen zu lassen – aufzunehmen – um sie dann mit Anderen zu teilen. Die digitale Fotografie fasziniert ihn wegen der einfachen Zugänglichkeit des Teilens von Bildern mit beliebig vielen Menschen auf dem ganzen Planeten. Gleichzeitig erschreckt es ihn, wie wenig Aufmerksamkeit dem einzelnen Bild aufgrund der dadurch entstehenden Menge zukommt. Wenn eines seiner Bilder die Betrachterin, den Betrachter berührt, ist viel gelungen.

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Nicht eine Vorstellung realisieren, sondern eine Realität vorstellen, das ist: Fotografie.

Gottfried Jäger (der Andere)

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