IMG_0996-Gottfried Jaeger-Piz Buin
Fototechnik

Kleines Rätsel zur Kamerabedienung

von | 9. Februar 2015

Folgendes hat sich vor Kurzem zugetragen, und alle, die brav in der Fotoschule aufgepasst haben, sollten ohne große Anstrengung darauf kommen, worum es hierbei geht. Auch Leute, die nicht in einer Fotoschule waren, aber mit digitalen Spiegelreflex-Kameras vertraut sind, haben gute Karten.

Unlängst habe ich mein neues Objektiv ausgepackt, ein 16-35mm Weitwinkel-Zoom. Weil eine Kollegin über meine Erwartung so erstaunt war, bei kleinen Brennweiten mit Bildstabilisator bis zu einer Sekunde Verschlusszeit aus der Hand belichten zu können, habe ich gedacht, ich probiere das sofort aus. Vielleicht nicht gleich mit 1s, aber mit einer halben. Erinnert sei hier an die Daumenregel 1/Brennweite in mm = längste hand-haltbare Verschlusszeit in Sekunden, gültig für klassisches Kleinbild-Format/Vollformat. Für ein Weitwinkel mit 16mm demnach 1/16 Sekunde, für ein 200mm Tele-Objektiv 1/200s. Der Hersteller behauptet, dass der Stabilisator vier Belichtungs-Stufen bringt, das bedeutet, ich darf die Belichtungszeit vier mal verdoppeln und noch mit einem einigermaßen verwackelungsfreien Bild rechnen. 1/16s x2 x2 x2 x2 sind eine ganze Sekunde.

Das Resultat war leider vorerst eher bescheiden – und ich habe bereits überlegt, ob ich das Objektiv zurückschicken soll. Bei näherer Betrachtung entdeckte ich allerdings eine Besonderheit der verbliebenen Bewegungs-Unschärfe. Diese hat mich nachdenklich gemacht, und schließlich habe ich die Ursache und eine Lösung gefunden.

Damit diese Geschichte ein wenig Pepp bekommt, wird unter den Kommentaren, die die richtige Lösung enthalten, einer ausgelost (nein, ohne notarielle Aufsicht). Dessen Autor oder Autorin bekommt dann einen A4-Print eines meiner Schneeschuh-Wander-Fotos nach freier Wahl. Damit alle die Chance haben, unbefangen an die Lösung des Problems heranzugehen, werden die Kommentare erst nach der Verlosung freigeschaltet.

Es werden auch andere Lösungen als meine akzeptiert. Verlost wird am 28. Februar.

Damit es übersichtlicher wird, zusammengefasst die relevanten Bedingungen:

⇒ Verwendet wird eine aktuelle digitale Spiegelreflexkamera
⇒ Die Blende kann oder soll nicht weiter geöffnet werden
⇒ ISO soll nicht weiter erhöht werden
⇒ Die Brennweite sei ebenfalls vorgegeben
⇒ Stativ oder feste Unterlage stehen nicht zur Wahl
⇒ Ein Bildstabilisator moderner Bauart kommt zum Einsatz

Ich will, kurz gesagt, die längst-mögliche Verschlusszeit „der-halten“:

Mein oben wiedergegebenes Testbild hat folgende Eckdaten:

⇒ ISO 800, f/4.5, 1/3s, 20mm,
⇒ DSLR-Kamera mit Sensor im Kleinbild-Format („Vollformat“): 36mm x 24mm zurecht geschnitten zu 1200×600 aus einer 20MegaPixel Aufnahme, so dass es einer 100% Ansicht nahe kommt.
⇒ Wie es meine Gewohnheit ist, habe ich beim Auslösen durch den Sucher geschaut und nicht auf den Live-View (weil es den Akku schont, und weil es mir persönlich sympathischer ist).

Viel Spaß beim Nachdenken oder Ausprobieren!


Auflösung:

Eine Spiegelreflex-Kamera hat, wie der Name sagt, (mindestens) einen Spiegel, der den Blick durch das Objektiv ermöglicht. Um das Licht auf den Sensor oder den Film durch zu lassen, muss dieser Spiegel hochgeklappt werden, bevor der Verschluss auslöst. So ein Spiegel hat aber auch eine Masse, die beschleunigt und verzögert wird. Wie das aussieht, kann bei den Slow-Mo Guys auf youtube sehr schön in Super-Zeitlupe angesehen werden. In dem Video gibt es auch ein paar interessante Erklärungen und Hinweise auf Artefakte, wie sie bei sehr kurzen Verschlusszeiten auftreten.

Video: DSLR gefilmt mit 10000fps

Was kann nun also unternommen werden, um die sogenannte Freihandgrenze hinaus zu schieben?

⇒ Beide Hände nutzen,
⇒ ruhig atmen oder die Luft anhalten,
⇒ den Bildstabilisator einschalten – no na!
⇒ den 2s Selbstauslöser nutzen, zur Entkoppelung der Zeigefinger-Bewegung,
⇒ und, mir bisher nicht selbstverständlich, Live-View benutzen, denn da ist der Spiegel bereits oben!

Ellenbogen aufstützen oder die Kamera auf eine feste Unterstützung legen funktioniert ebenfalls, gilt aber nicht mehr als Freihand. Das Besondere an der bei diesem Bild erkennbaren Bewegungs-Unschärfe? Sie war in senkrechter Richtung viel stärker! Ob der Stabilisator bei 1/2s die Klapp-Bewegung als Mitziehen interpretiert und nur mehr eine Achse stabilisiert hat, konnte ich bisher nicht herausfinden. Der Live-View hat jedenfalls gewirkt, wie das Vergleichsbild mit halb so viel ISO und 0,6s Verschlusszeit zeigt.

lv_4489

GOTTFRIED JÄGER

Darum geht es in Gottfrieds Fotos: Eine Szene, eine Stimmung, eine Wahrnehmung in ein Bild fließen zu lassen – aufzunehmen – um sie dann mit Anderen zu teilen. Die digitale Fotografie fasziniert ihn wegen der einfachen Zugänglichkeit des Teilens von Bildern mit beliebig vielen Menschen auf dem ganzen Planeten. Gleichzeitig erschreckt es ihn, wie wenig Aufmerksamkeit dem einzelnen Bild aufgrund der dadurch entstehenden Menge zukommt. Wenn eines seiner Bilder die Betrachterin, den Betrachter berührt, ist viel gelungen.

2 Kommentare

  1. Hallo Gottfried!
    Also vorweg einmal – das ist (für mich technisches “Nackerpatzl”) wirklich eine harte Nuss! Ich habe zwar keine Lösung für dein Problem gefunden – außer vielleicht ein Stativ verwenden ; )) – aber was mir aufgefallen ist, ist das der Baumstamm auf der rechten Seite des Bilde nicht so verwackelt ist wie der Rest. Ob das aber etwas mit deinem Ansatz zu tun hat, weiß ich nicht! Auf alle Fälle bin ich schon auf die Lösung deines Rätsels sehr gespannt!
    Glg Nicki

  2. Also ich würde zuerst mal die Iso raufdrehen, so weit, dass es vom Rauschen her noch erträglich ist. Somit kann die Belichtungszeit bei gleichbleibender Blende etwas verkürzt werden. Dann schaue ich, ob ich die Blende ev. noch bissl weiter aufmachen kann, was ebenfalls die Belichtungszeit verkürzt. Dann mittels Live-View (Spiegel ist hoch geklappt) fokussieren und fotografieren bzw. den Spiegel mittels Menüeinstellung hochklappen.

    Wobei ich, wenn ich nachts fotografiere, generell mein Stativ dabei habe. Ein leistungsfähiger Stabi ist im konkreten Fall gerade in so Zwielichtsituationen ein echter Hit , aber wenn die Belichtungszeit gegen eine Sekunde geht, ist er meiner Meinung nach trotzdem kein Ersatz für’s Stativ.

    Vielleicht täusche ich mich, ich werde es ausprobieren, wenn das Canon 16-35mm/f4 demnächst in meinem Postkasten ist. Bis dahin halte ich die prophezeihten +4 Blendenstufen, die mit dem Stabi noch verwacklungsfrei aus der Hand zu fotografieren sein sollen, gerade im Weitwinkelbereich aber eher für ein von Canon hervorragend in Szene gesetztes Marketingargument.

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

5 × 1 =