Grüß Göttin an der Innanna
KUNST IM ÖFFENTLICHEN RAUM

GRÜSS GÖTTIN AN DER INNANNA

von | 7. Februar 2016

In Tirol erregt wieder einmal ein scheinbar harmloser Gruß auf einem Schild die Gemüter. Sechs Jahre lang wurden Autofahrer bei Kufstein mit „Grüß Göttin“ in Tirol willkommen geheißen. Dieser Gruß steht in pinkfarben umrahmten Großbuchstaben auf einem schwarzen Schild. Nun ist die Genehmigung für dieses Projekt der Tiroler Künstlerin Ursula Beiler ausgelaufen. Immer wieder sorgte dieses Schild für emotionale und auch sicherheitstechnische Diskussionen. Es wurde  befürchtet, dass Autofahrer abgelenkt sein könnten und dadurch Unfälle verursacht würden.

Auf der Suche nach einem neuen Standort hat sich Innsbrucks Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer nun bereit erklärt, das Schild in Innsbruck bei der Mühlauer Brücke aufzustellen. In Innsbruck sind dann zwei Kunstwerke von Ursula Beiler im öffentlichen Raum zu bewundern.

An der Innbrücke steht bereits der Schriftzug „Innanna“, der im Rahmen des Förderprogramms für Kunst im öffentlichen Raum „Stadtpotenziale 2014“ unterstützt wurde. Die Künstlerin beschäftigt sich bei beiden erwähnten Projekten intensiv mit Sprache, und wie Sprache die gesellschaftliche und insbesondere die individuelle Sichtweise beeinflussen. Dabei visualisiert sie in ihren Projekten, dass viele Begriffe und alltägliche Floskeln eine männliche Konnotation aufweisen und die weibliche Seite ausblenden. Offensichtlich trifft sie dabei einen sensiblen Nerv, wie zahlreiche z. T. sehr emotionale Reaktionen auf die Übersiedlung des Schildes nach Innsbruck zeigen. Die Tiroler Tageszeitung befüllt in ihrer Ausgabe vom 3.2.2016 die gesamte Rubrik „Lesermeinung“ mit Leserbriefen zu diesem Thema.

Mir scheint, dass Ursula Beiler mit diesen – oberflächlich betrachtet – sehr einfachen und klaren Installationen den Sinn von „Kunst im öffentlichen Raum“ genau trifft. Sie schafft es, Diskussionen auszulösen. Und zwar zu Themen, bei denen ich überzeugt war, dass diese schon lange ausdiskutiert gewesen wären. Damit bringt sie die Gedankenwelt von Menschen zum Vorschein, und zeichnet die Seele zumindest von Teilen der Gesellschaft nach, womit wir beim Thema dieses Blogs angelangt sind: seelegrafieren!

Bei der Installation „Innanna“ geht es um die Idee, dass der Fluss Inn ursprünglich die weibliche Bezeichnung „Innanna“ trug. Der Begriff ist abgeleitet von den Oberländer Innzuflüssen mit den weiblichen Namen Trisanna (Paznaun) und Rosanna (Stanzer Tal). Bemerkenswert ist, dass die Installation auf der Innbrücke platziert ist und zwar wenige Meter entfernt von einem anderen Kunstwerk, das in Innsbruck vor Jahren ebenfalls für Aufregung sorgte: der nackte Christus von Rudi Wach. Dieses Kruzifix durfte 20 Jahre nicht öffentlich aufgestellt werden und konnte nur im Innenhof des Volkskunstmuseums betrachtet werden. Erst 2007 veranlasste die damalige Bürgermeisterin Hilde Zach, dass das Kreuz in der Mitte der Innbrücke aufgestellt wird.

Innanna

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Bereits im Sommer habe ich die beiden Objekte fotografiert, weil sie für mich gute Beispiele dafür sind, wie wichtig es ist, dass Politik und Verwaltung Kunst im öffentlichen Raum zulassen und unterstützen. Denn Kunst bringt es durchaus zustande, dass Fragen aufgeworfen werden, die Menschen zu Diskussionen anregen.

HIER SCHREIBT

KLAUS SPIELMANN

Als ausgebildeter Geograf und Geoinformatiker beschäftigt sich Klaus insbesondere mit räumlichen Phänomenen. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um natürliche, durch den Menschen gestaltete oder auch virtuelle Räume handelt, auf die er sich als Geograf, Raumplaner, Geoanalytiker, Kartograf oder Fotograf einlässt.

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Man sieht oft etwas hundert Mal, tausend Mal, ehe man es zum allerersten Mal wirklich sieht.

Christian Morgenstern

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