REPORTAGE   I   REISEFOTOGRAFIE

NOWOSIBIRSK – DAS NEUE SIBIRIEN?

von | 9. September 2015

Nowosibirsk liegt 5000 Kilometer oder rund acht bis zehn Stunden Flugzeit östlich von Österreich in der Westsibirischen Tiefebene. Die mit ca. 1,4 Mio. Einwohnern drittgrößte Stadt Russlands ist das politische, wirtschaftliche, kulturelle und intellektuelle Zentrum Sibiriens.

Auffallend sind die Gegensätze, die die Stadt prägen. Moderne Gebäude mit geschwungenen Glasfassaden, in denen sich die Niederlassungen von amerikanischen oder europäischen Firmen befinden, stehen neben Wohnblocks aus Fertigteil-Betonplatten aus der sowjetischen Zeit. Filialen bekannter, international tätiger Fastfood-Lokale mit Gratis-Wlan findet man genauso wie gemütliche Studentenlokale. Am traditionellen Markt, an dem alles angeboten wird, was man irgendwann in seinem Leben brauchen könnte, tummeln sich genauso viele Menschen, wie in den Filialen westlicher Mode-Labels.

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Auf den von Schlaglöchern durchzogenen Straßen rasen russische Wolgas neben SUVs von Toyota und Suzuki. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Fahrzeug das Lenkrad auf der linken oder rechten Seite hat, man kauft, was verfügbar und leistbar ist. Mich fasziniert wie flüssig der Verkehr läuft, obwohl auch auf mehrspurigen Straßen keine Markierungen (mehr) vorhanden sind.

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Nowosibirsk verfügt zwar über ein U-Bahnnetz, aber Busse und Straßenbahnen stellen einen wichtigen Teil des öffentlichen Personenverkehrs. Gerade die Straßenbahnen haben sicherlich schon bessere Zeiten erlebt. Es ist ziemlich erstaunlich, dass die Garnituren tatsächlich noch auf den Schienen fahren, wenn man die Gleisanlagen betrachtet.

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Das Nebeneinander von alten kommunistischen Symbolen und die fortschreitende Adaptierung westlicher Trends sowie der Konsum von westlichen Markenartikeln zeigt sich überall. Sehr eindrücklich kann man das am Lenin-Denkmal erleben, das offensichtlich immer noch zu jeder russischen Stadt gehört. Das Podest, auf dem die riesige Leninstatue steht, wird heutzutage von jungen Skateboardern mit Baseball-Mütze als Skaterpark genutzt.

Auch wenn in den russischen Medien der Westen als die Ursache allen Übels dargestellt wird, scheinen die Menschen die Propaganda zu durchschauen und lassen sich im Alltag und in ihrem Verhalten offensichtlich davon kaum beeinflussen. Bleibt nur zu hoffen, dass die Entwicklung nicht in der Übernahme westlichen Konsumverhaltens stecken bleibt und sich vor allem auf Werte wie Demokratie, Freiheit und das Respektieren von individuellen Lebensentwürfen erstreckt. Vielleicht ist die Bedeutung des Namens von Nowosibirsk auch ein Auftrag gerade dort ein „neues Sibirien“ zu entwickeln.

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KLAUS SPIELMANN

Als ausgebildeter Geograf und Geoinformatiker beschäftigt sich Klaus insbesondere mit räumlichen Phänomenen. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um natürliche, durch den Menschen gestaltete oder auch virtuelle Räume handelt, auf die er sich als Geograf, Raumplaner, Geoanalytiker, Kartograf oder Fotograf einlässt.

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Man sieht oft etwas hundert Mal, tausend Mal, ehe man es zum allerersten Mal wirklich sieht.

Christian Morgenstern

KLAUS ON AIR
INFOS ZUM BEITRAG

http://www.btv-fokus.at/de/gianni-berengo-gardin-storie-di-un-fotografo-id76097.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Gianni_Berengo_Gardin