Seestadt Aspern
LOKALAUGENSCHEIN IN DER WIENER SEESTADT ASPERN

NOWOSIBIRSK GIBT’S AUCH IN ÖSTERREICH

von | 21. Oktober 2015

Anfang des Jahres, im Februar, hatte ich  mit einer Kollegin eine kleine Foto-Exkursion ausgemacht. Gleich nach dem Frühstück sollte es losgehen, doch der Blick aus dem Fenster war nicht geeignet, zu Freiluft-Aktivitäten zu ermuntern. Doch ausgemacht ist ausgemacht, Wochenenden darf man nicht verschwenden, und so trafen wir uns auf dem trockenen und windgeschützten Bahnsteig der Station Schottenring.

Die Züge sind glücklicherweise beheizt, wofür wir bei der Rückfahrt noch viel dankbarer waren. Die Reise führte so weit nach draußen, wie U-Bahn Züge in Wien tragen: Zur Station Seestadt, Endstation der U2. Diese Gegend wollte ich mir schon lang einmal ansehen, denn als Bewohner sehe ich im Alltag wenig von Wien, und ich war neugierig, ob ich mir vorstellen könnte, dort zu wohnen. Überdies bin ich der Sohn eines leidenschaftlichen Raumplaners, somit war mir ein Interesse an der Stadt-Entwicklung bereits in die Wiege gelegt.

Beim Aussteigen bietet sich eine Szene, die in dieser Art in Österreich selten bis einmalig ist. Ein eiskalter Nordwind pfeift um die Ecken der U-Bahn Station, die mitten auf den Äckern steht. Ein paar Passanten flüchten schnell, ein einsamer Autobus wartet auf Fahrgäste. In weiter Ferne ist die nächste U-Bahn Station zu erkennen, ebenfalls auf noch unverbautem Gelände. Eine U-Bahn, die auf’s Land fährt, wo gibt es das sonst noch? Doch wo ist die Stadt?

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Einige hundert Meter in Richtung Südwest erheben sich die ersten weißen Wohnblocks vor grauem Himmel. Eine ebenfalls noch im Entstehen begriffene Straße führt uns dorthin. In wenigen Jahren werden hier 20.000 Menschen wohnen, und ebenso viele Arbeitsplätze soll es hier dann geben.

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Die Distanz ist schnell überwunden, und hinter der ersten Ecke ist es zwar nicht wärmer, aber zumindest windgeschützt. Die Häuser sind fertig, aber ob hier schon jemand wohnt? Im Sockel-Geschoss sind bei vielen Bauten geräumige Geschäftslokale vorgesehen, noch sind sie leer. Künftige Kindergärten und Schulen sind ebenfalls erkennbar.

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Die Planer haben sich sichtlich Mühe gegeben, etwas Zeitgemäßes zu schaffen. Doch was heißt das heutzutage, wo sich die Welt im Fünf-Jahres-Rhytmus ändert? Wir gehen zwei Ecken weiter.

Hier gibt es Anzeichen, dass schon Menschen eingezogen sind, einige private PKWs stehen am Straßenrand. Wir fragen etwas zögerlich die ersten Passanten, ob es da so etwas wie ein Kaffeehaus gibt, erhalten negative Auskunft und sind kaum überrascht. Einen Mini-Markt gibt es, aber der hat sonntags geschlossen. Wir finden ihn fünf Minuten später, und er sieht nicht danach aus, als ob er Heißgetränke ausschenken würde, hätte er denn offen.

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Ein paar zugige Ecken weiter sind wir wieder am „Stadtrand“ und sehen die ersten Elemente eines künftigen Parks: Junge Bäume mit Stehhilfe und angelegte Wege. Bereits leicht angefroren, nehmen wir Kurs auf die U-Bahn Station und halten noch kurz bei der Servicestelle für die neu Eingezogenen. Diese ist in einem mehrgeschossigen provisorischen Holzbau untergebracht, der aufs Erste einen sympathischen Eindruck macht. Nächstes anzupeilendes Ziel: Ein warmer Topfenstrudel in der Konditorei Aida.

Zurück zur eingangs gestellten Frage: Würde ich dort wohnen mögen? Eine eindeutige Antwort fällt mir schwer. Der Verstand sagt ja, es gibt weit unangenehmere Viertel in Wien. Die Wohnungen sind vielleicht gut angelegt, Infrastruktur wird es bald geben, der öffentliche Raum ist großzügig dimensioniert und ambitioniert angelegt. Ich habe mir die neuen Viertel um den Hauptbahnhof, die Schlachthausgasse und die Aspang-Gründe ebenfalls angesehen, und war dort weit skeptischer. Mein Gefühl spricht jedoch dagegen. Es ist furchtbar flach im Nordosten Wiens, und die Innenstadt ist weit weg. Aber ich bin verwöhnt, ich lebe fünf Gehminuten von der Ringstraße und kann das halbe Stadtgebiet innerhalb einer halben Stunde mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen. So lange braucht ein U-Bahn Zug, um von der Seestadt ins Zentrum zu gelangen. Auf jeden Fall  werde ich mir den weiteren Baufortschritt im nächsten Jahr wieder ansehen – ganz sicher bei weniger sibirischen Temperaturen.

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GOTTFRIED JÄGER

Darum geht es in Gottfrieds Fotos: Eine Szene, eine Stimmung, eine Wahrnehmung in ein Bild fließen zu lassen – aufzunehmen – um sie dann mit Anderen zu teilen. Die digitale Fotografie fasziniert ihn wegen der einfachen Zugänglichkeit des Teilens von Bildern mit beliebig vielen Menschen auf dem ganzen Planeten. Gleichzeitig erschreckt es ihn, wie wenig Aufmerksamkeit dem einzelnen Bild aufgrund der dadurch entstehenden Menge zukommt. Wenn eines seiner Bilder die Betrachterin, den Betrachter berührt, ist viel gelungen.

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Nicht eine Vorstellung realisieren, sondern eine Realität vorstellen, das ist: Fotografie.

Gottfried Jäger (der Andere)

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