Eisenbahn
AUF EINLADUNG: EIN BESUCH IM SIEMENS MOBILITY-WERK IN WIEN

SPANNUNG AM GLEIS

von | 15. Februar 2017

Als Kind war ich immer fasziniert davon, wie lange ein Waggon einer Spielzeugeisenbahn läuft, wenn man ihm einen sanften Stupser mit dem Finger gibt. Manche Eisenbahnbrücken zählen zu den schönsten und spektakulärsten Ingenieurbauten der Architekturgeschichte, und die wachsenden Schienennetze haben im 19. Jahrhundert die Welt verändert. Tagesreisen schrumpften zu ein bis zwei Stunden und schwere Güter konnten auf dem Landweg über große Distanzen transportiert werden. Auch im Nahverkehr erlangten Schienenfahrzeuge schnell große Bedeutung, vor allem in großen Städten.

IM EISENBAHN-MOBILITY CENTER

Es ist genau 30 Jahre her, dass ich zuletzt einen Industrie-Betrieb besichtigt habe, die Daimler-Benz PKW Montage und das Motorenwerk in Stuttgart. Die Stückzahlen bei PKW bewegen sich im sechsstelligen Bereich. Heute erwartet mich etwas völlig anderes: Eine Fabrik, die von ihren Fahrzeugen typischerweise 10, 50 oder auch 300 Exemplare anfertigt.

© Siemens

An einem warmen Septembertag finde ich mich in Wien Simmering vor dem Werkstor ein, das Gelände ist aus der Fußgänger-Perspektive nicht zu überblicken. Pünktlich werden wir abgeholt und zu einem großen Besprechungsraum geleitet. Einführend wird auf die 180jährige Geschichte dieser Produktionsstätte eingegangen, auf die Export-Erfolge auf allen Kontinenten und die gegenwärtig in Arbeit befindlichen Aufträge.

Besonderheiten wie die große Lackieranlage, in der ganze Waggons vollautomatisch lackiert werden und die jährlich wiederkehrenden Prüfungen der Schweißer, die hier Präzisionsarbeit leisten finden ebenso Erwähnung wie der hohe Stellenwert der Unfallvermeidung. Im Dreischichtbetrieb können 450 Fahrzeuge pro Jahr erzeugt werden, auf 140.000 Quadratmetern, von 1200 Mitarbeitern. Pro Person sind das mehr als 115 Quadratmeter: Eng wird es hier nicht!

Draußen fällt mir auf, dass sich zwischen den Hallen eine 30 Meter breite, völlig kahle Straße befindet, deren Zweck sich nicht sofort offenbart. Bunte Stahlflaschen flankieren den Eingang zur ersten Halle. Aus gepressten Aluminium-Profilen werden Bodengruppen und Dachelemente geschweißt, und mit Außen- und Zwischenwänden entsteht schließlich das vollständige Skelett eines neuen Fahrzeugs. Teilweise kommen Roboter zum Einsatz, und die großen Bauteile sind sehr komplex geformt. Eine Menge Lärm entsteht beim Schweißen, ich hatte das schon vergessen. Draußen bewegt sich gerade ein gelbes Spezialfahrzeug quer zur breiten Straße, es bleiben gerade zweieinhalb Meter Luft zu den Hallentoren. Eisenbahnwaggons sind sperrig.

In die Lackieranlage können wir durch das Fenster einen Blick werfen, aber sie ist gerade leer. Gegenüber manuellem Lackieren wurde hier in einem Jahr Lack im Gegenwert von 268.000 Euro eingespart. Der Lack wird elektrostatisch auf 80kV aufgeladen, und „findet“ selbst den Weg auf den Waggon. Die Qualität der lackierten Flächen ist mittlerweile so hoch, dass Fehler auffallen, die früher unbeachtet blieben.

Die letzte Station der Werksführung ist die Endmontage. Sie ist gerade halb leer, da für den nächsten Auftrag umgerüstet wird. Montiert werden die Fahrzeuge am Ort, sie werden währenddessen nicht bewegt. Ich sehe einen Elektriker auf dem Dach einer Straßenbahn Installationen vornehmen, während er an einer Art Kran gesichert ist. Eine große Vielfalt an angelieferten Teilen wird ausgepackt und eingebaut, Schläuche, Rohre und Kabel werden verlegt.

DAS INTERVIEW

Zurück in das Bürogebäude geht es nun, zu Herrn Andreas Schwendemann. Er ist Leiter des Vertriebs für Nahverkehrsfahrzeuge in Zentral- und Osteuropa. Ausgebildet am TGM, nach einem Umweg über den Anlagenbau seit vielen Jahren in der Schienenbranche tätig. Meine erste Frage bezieht sich auf die breite Straße, und ob die Produkte nicht länger werden könnten, als die Straße breit ist. Die Antwort stützt sich auf den mir nicht geläufigen Begriff Luftmaß, aber mit ein paar Bleistiftstrichen wird alles klar. Techniker verstehen einander.

Herr Schwendemann hat viel Interessantes zu erzählen, angefangen von unterschiedlichen Straßenbahn-Spurweiten in österreichischen Landeshauptstädten bis hin zu Verträgen mit Kunden, die über das Jahr 2050 hinaus reichen für ein Investitionsgut, das 20 Stunden pro Tag in Betrieb ist; Von zunehmendem Preisdruck und internationalem Wettbewerb, und vom Versuch, mit einer Art Baukasten das Problem der kleinen Serien zu entschärfen. Das Werk kann Fahrzeuge aus Aluminium, Stahl und Edelstahl bauen, wobei Edelstahl selten geworden ist. Aluminium liegt im Trend, weil die Fahrzeuge erheblich leichter sind und sich beim Beschleunigen viel Energie einsparen lässt.

Im Trend liegen immer umfangreichere Dienstleistungen über den gesamten Lebenszyklus des Produktes, mit Schulungen des Wartungspersonals, Instandhaltung und Ersatzteil-Versorgung. Eine Kundenbeziehung über vier Jahrzehnte: So lange dauert eine durchschnittliche Berufslaufbahn. Neugierig werde ich bei der Erwähnung, dass bis zu 45m lange Züge auf der Straße transportiert werden. Die Autobahn ist nur zwei Blocks entfernt, aber so einen Tieflader würde ich gerne auf dem Weg dorthin begleiten.

Zwanzig Betriebsstunden pro Tag, 350 Tage im Jahr, 40 Jahre lang – das sind 280.000 Betriebsstunden. Ich erwähne den Vergleich mit dem PKW und Herr Schwendemann verdreht ganz kurz die Augen. Nicht zum ersten mal merke ich, dass die Leute hier stolz sind auf ihre Produkte. Auf meine Frage, was ihn zur Eisenbahn geführt hat, höre ich: Nun ja, einst wollte ich Lokomotivführer werden.

Bedanken möchte ich mich bei Iris Temminghoff und Sophie Strasser für die Betreuung und bei Herrn Schwendemann für das interessante Gespräch.

HIER SCHREIBT

GOTTFRIED JÄGER

Darum geht es in Gottfrieds Fotos: Eine Szene, eine Stimmung, eine Wahrnehmung in ein Bild fließen zu lassen – aufzunehmen – um sie dann mit Anderen zu teilen. Die digitale Fotografie fasziniert ihn wegen der einfachen Zugänglichkeit des Teilens von Bildern mit beliebig vielen Menschen auf dem ganzen Planeten. Gleichzeitig erschreckt es ihn, wie wenig Aufmerksamkeit dem einzelnen Bild aufgrund der dadurch entstehenden Menge zukommt. Wenn eines seiner Bilder die Betrachterin, den Betrachter berührt, ist viel gelungen.

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Nicht eine Vorstellung realisieren, sondern eine Realität vorstellen, das ist: Fotografie.

Gottfried Jäger (der Andere)

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