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SCHNEESCHUHTOUR IN DER SILVRETTA

ENDLICH AUF DEN PIZ BUIN

von | 5. April 2017

Vorgeschichte

Als ich in den 70ern in die Volksschule ging, war mir der Name Piz Buin als Marke eines Sonnenschutz-Mittels aus dem Werbefernsehen vertraut. Später, im Gymnasium, lernte ich, dass der höchste Berg Vorarlbergs der Namenspate ist. Damals hatte ich nur eine diffuse Vorstellung von Entfernungen, war nie in Westösterreich gewesen, und ein Gipfel an der Grenze zur Ostschweiz war für mich ähnlich exotisch wie der Mount Everest. Später las ich vom Montafon und der Silvretta, und erinnerte mich an diese kindliche Fantasie von entlegener Abgeschiedenheit. Auch die für einen Ostösterreicher fremd klingenden Namen übten eine Faszination auf mich aus.

Nie dachte ich daran, dass ich selbst auf solche Berge steigen könnte. Aber manche Scheu lässt sich ablegen, und mit den richtigen Einstiegshilfen und einige Hochtouren später ist es dann im März 2016 so weit. Eine Silvretta-Querung auf Schneeschuhen mit Ersteigung des Piz Buin steht auf meinem Programm.

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Der Anreisetag hat seine Härten

Aufstehen um halb vier, Zug bis Landeck, weiter im Reisebus, keine Zeit für ein anständiges Mittagessen. Gleißendes Sonnenlicht in Galtür. Kennenlernen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Ein langer aber flacher Zustieg ans Ende des Jamtals zur Jamtaler Hütte steht bevor. Die frische Luft, die Höhe, die Wärme und im hereinbrechenden Schatten die darauf folgende Kälte – alles ein bisschen viel, und ich versuche aufkommende Zweifel an meinem körperlichen Zustand zu verdrängen. Die visuellen Eindrücke helfen dabei.

Der erste Tour Tag führt uns über die Schweizer Grenze, zum Piz Blaisch Lunga/Augstenspitze, 3224m. Es ist sonnig, trocken, kaum Wind. Eine Hundertschaft von Skitourengehern macht sich in alle Richtungen auf den Weg. Mit Schneeschuhen ist man Exote und wird, so habe ich den Verdacht, belächelt oder bedauert. Aber das macht nichts – nicht bei dem Wetter!

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Oben, an der Schweizer Grenze, auf 3000m, weitet sich der Blick über das ganze Engadin und bis tief nach Südtirol hinein. Eine schneebedeckte Bergkette nach der anderen zieht den Blick auf sich – wie Wellen im Meer. König Ortler dominiert den Horizont, und die glücklich lächelnden Gesichter der Mitreisenden verraten Begeisterung. Nach kurzer Rast nehmen wir den ersten Gipfel der Tour in Angriff, denn der Firn wird jede Minute weicher und damit anstrengender für die Beine. Unglaublich, wie warm so ein nach Süden exponierter Hang ohne Wind wird, in dieser Höhe! Am Gipfel dann freier Blick in alle Richtungen, 50km und mehr.

Überschreitung und Genuss

Der Abstieg ist nicht anstrengend, aber lang. Auf der Hüttenterrasse herrscht Hochbetrieb. Der nächste Tag führt uns in die Schweiz, zur Chamana Tuoi, mit der hinteren Jamspitze (3156m) als Zwischenziel. Mittlerweile habe ich mich gut eingewöhnt und beginne, auch körperlich zu genießen. Beim Abstieg zur Tuoi-Hütte wieder gefühlte 25°C, und der erste Blick auf die Südseite des Piz Buin! Ein Berg wie aus dem Bilderbuch, ein steiler Zahn aus dunklem Stein, umringt von weiteren Dreitausendern, unter ihnen der Piz Linard, höchster Gipfel der Silvretta, eine klassische Pyramide. Schön, wenn man schon gustieren kann für den nächsten Tag!

Die Hütte empfängt uns mit kühlem Bier, gutem Kuchen und Kaffee und einer sonnigen Terrasse. Die Schweiz hat einen ambivalenten Ruf in Österreich, aber hier fühlen wir uns alle sehr wohl. Die Einrichtung tut ihr Möglichstes, den beengten Raum zu kompensieren. Vom guten Abendessen gibt es reichlich, und das Abgießen der Nudeln aus den großen Töpfen taucht die kleine Küche in dichten Dampf. Bei Dunkelheit trete ich noch einmal auf die Terrasse und betrachte das Ziel des nächsten Tages im Mondlicht.

Das warme Wetter und die Exposition nach Süden macht einen Aufbruch um halb acht Uhr morgens erforderlich. Der Hang wird bald steil, und wir steigen im Zick-Zack hinan. Da das schräg am Hang gehen zwar Kraft spart, aber mit den breiten Schneeschuhen unbequem ist, ersuche ich, aus der Reihe tanzen zu dürfen – auf geradem Weg die Falllinie hinauf. Die direkte Linie bewährt sich: Es lässt sich so ein bequemer Vorsprung zum Fotografieren holen.

Auf dem Gipfel kann es ungemütlich sein

Vor dem letzten steilen Anstieg zur Buinlücke zwischen großem und kleinem Buin wird es noch einmal flach, und der Firn wird hier schon richtig weich. Für die letzten 30 Höhenmeter wechseln wir von den Schneeschuhen auf die Steigeisen, um besseren Halt zu finden. In der Buinlücke, die an ein Stadttor erinnert, lassen wir nach kurzer Rast unsere Rucksäcke, Schneeschuhe und Stöcke zurück. Der weitere Anstieg führt über ein Firnfeld in felsiges und dann auch sehr steiles Gelände. An einer dem Nordwind exponierten Engstelle müssen wir viel Gegenverkehr abwarten, und ich bedaure es, nicht alle mitgebrachten Kleidungsstücke angezogen zu haben. Beim Klettern an einer ausgesetzten Stelle überlege ich kurz, ob ich jetzt Angst habe, oder bloß richtig durchgefroren bin, und mache fleißig von meinem Eispickel Gebrauch. Bald wird der Anstieg wieder flacher, jedoch der Wind nicht schwächer.

Am Gipfel (3312m) hält es uns nur fünf Minuten, so kalt ist den meisten unter uns. Zwanzig Meter tiefer erwartet uns ein sonniges und windgeschütztes Plätzchen mit großem Bergkino – perfekt für die Rast und ein paar Erinnerungsfotos. Das Engadin mit dem Piz Linard und dem kleinen Piz Buin im Vordergrund, in der Ferne Südtirol, und zur Rechten Vorarlberg mit dem Silvrettahorn. Genau so habe ich mir das Bergsteigen immer vorgestellt.

Der Abstieg nach Vorarlberg ist lang, und die vorbeigleitenden Skifahrer werden einhellig beneidet, aber Hauptsache, wir sind rechtzeitig zum ausgezeichneten Abendessen auf der Wiesbadener Hütte. Am Ende des Gletschers türmen sich beeindruckend die Eismassen. Um 17:00 ist das Tagesziel erreicht, wir sind neun Stunden unterwegs gewesen, und die hier angebotenen warmen Duschen werden begeistert genutzt.

Leider lässt sich die Sonne am nächsten Tag nicht blicken, sondern überlässt einem Schneestrum das Feld. Statt auf einen Gipfel gehen wir eine kleine Runde im Tal, um uns Appetit für das Mittagessen zu holen. Der darauf folgende letzte Tag beginnt trüb und nebelig, der Niederschlag hat aber aufgehört. Wir steigen auf zur Tiroler Scharte, lassen den Gipfel aufgrund der schlechten Sicht und dem beißenden Wind rechts liegen, und bewegen uns vorsichtig zur Jamtaler Hütte hinunter, während mehr und mehr die Sonne lacht. Mit einer frischen Neuschnee-Auflage und den abziehenden Wolken sieht die Bergkette im Süden fantastisch und wild aus.

Ich danke Joachim, Doris, Evelyn, Sarah, Markus, Ralf dem Jüngeren und Ralf dem Älteren – es war mir ein Vergnügen mit Euch unterwegs zu sein.

HIER SCHREIBT

GOTTFRIED JÄGER

Darum geht es in Gottfrieds Fotos: Eine Szene, eine Stimmung, eine Wahrnehmung in ein Bild fließen zu lassen – aufzunehmen – um sie dann mit Anderen zu teilen. Die digitale Fotografie fasziniert ihn wegen der einfachen Zugänglichkeit des Teilens von Bildern mit beliebig vielen Menschen auf dem ganzen Planeten. Gleichzeitig erschreckt es ihn, wie wenig Aufmerksamkeit dem einzelnen Bild aufgrund der dadurch entstehenden Menge zukommt. Wenn eines seiner Bilder die Betrachterin, den Betrachter berührt, ist viel gelungen.

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Nicht eine Vorstellung realisieren, sondern eine Realität vorstellen, das ist: Fotografie.

Gottfried Jäger (der Andere)

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