Shanghei
REISEFOTOGRAFIE  I  SHANGHAI

ÜBER EIN FISCHERDORF, DAS ZUR WELTMETROPOLE WURDE

von | 13. Januar 2017

„Ning hau ma“ begrüßt uns die Reiseleiterin, „wie geht es Ihnen?“

Die angemessene Antwort ist „hau“ – gut!

Denn wer in der nahezu leeren Boeing 747 des zehnstündigen AUA-Direktflugs Wien – Shanghai nicht schlafen konnte, ist bei dem selten zuvor erlebten Platzangebot selber schuld. Derjenige darf aber „ma ma ho ho“ antworten – was soviel wie ‚so so la la‘ bedeutet.

Die quirlige junge Chinesin stellt sich vor: Ich habe einen wunderschönen Namen, ich heiße Faye. Und mein Familienname lautet wie unsere Währung – also?

Wir enttäuschen den erwartungsvollen Blick nicht, haben wir uns doch ordentlich auf die Reise vorbereitet: Yuan, rufen ihr etliche von uns entgegen. Sie spricht es „Yuen“ aus, aber sie lässt unsere Antwort gelten.

Die Fahrt vom Pudong International Airport zu unserem Hotel nützt sie, um uns mit ersten Informationen zu versorgen:

Shanghai mit seiner Umgebung ist der schönste Teil Chinas, klärt sie uns auf, gefolgt von einem nüchternen „aber das sagen Chinesen überall, wo sie sind“. Lachen brandet auf, das Eis ist gebrochen und schon haben wir Faye in unser Herz geschlossen. Und lauschen gespannt den Fakten und Zahlen, die wahrlich beeindruckend sind:

Die Länge Shanghai’s von Norden nach Süden beträgt 120 km.

Shanghai hat an die 25 Millionen Einwohner auf einer Fläche von 6000 km2; das entspricht 0,01% der Fläche Chinas. Die Steuereinnahmen in Shanghai hingegen betragen 10% des gesamt chinesischen Steueraufkommens.

Shanghai, vor 150 Jahren noch ein Fischerdorf mit ein paar tausend Bauern, ist heute Finanzzentrum und die zweitgrößte Stadt  Chinas, nach Chongqing am Yangtze-Delta mit rund 30 Mio. Einwohnern.

Shanghai-Leute sind wichtige und reiche Leute, alle restlichen Chinesen Bauern, erklärt Faye. Die Lage an der Meeresküste und der Wasserreichtum waren maßgeblich für den wirtschaftlichen Höhenflug. Die Hafenanlagen von Shanghai führen weltweit im Gesamtumschlag und im Containerumschlag. Viele Superlative bringen naturgemäß auch Schattenseiten mit sich.

Die Wohnungspreise in Shanghai sind gemessen am Durchschnittseinkommen so hoch, dass man 200 Jahre arbeiten und sparen müsste, wohlgemerkt ohne etwas auszugeben, um eine kleine Wohnung kaufen zu können. Und da es in China Sozialleistungen, Schulplätze etc. nur dann gibt, wenn man eine Wohnung besitzt, nicht aber, wenn eine solche nur gemietet ist, werden Frauen einen Mann nur dann heiraten, wenn der Zukünftige eine Wohnung sein Eigen nennt.

Für viele junge Männer ist das ohne Eltern und Großeltern und deren Ersparnisse nicht möglich.

Faye verabsäumt nicht, uns Langnasen den Fahrer vorzustellen: Meister Tschang, mit Betonung auf ‚Meister‘, der zweitbeste Fahrer von Shanghai. Wer der Beste sei? Nun, der liege derzeit im Krankenhaus. Ohne die näheren Umstände zu erforschen – Fayes Grinsen ist mehrdeutig – sind wir froh, lediglich an den zweitbesten Meister geraten zu sein. Bis zum Ende unserer Reise hat ihn übrigens kein einziger unserer 15-köpfigen Gruppe auch nur einmal lächeln gesehen.

Nach dem Einchecken im Ocean Hotel machen wir uns auf zur Stadtrundfahrt. Es scheint nur Wolkenkratzer zu geben, die miteinander punkto  Extravaganz und Himmelwärtsstreben wetteifern.

Der Jin Mao Tower beherbergt das prunkvolle 5-Sterne Grand Hyatt Hotel mit 555 Zimmern.

420 m hoch, 88 Etagen, 80 Fahrstühle, 8000 Stufen, Hausnummer 88, fertiggestellt am 8.8.88 und bis 2008 war der Jin Mao Tower der höchste Turm in Shanghai.

Fällt dir etwas auf, geneigter Leser?

Richtig, die Zahl 8 gilt als absolute Glückszahl, beliebt als Hochzeitsdatum und nahezu unbezahlbar als Autokennzeichen: Ab 20.000 Euro, und es gibt nur 3000 pro Monat, die ersteigert werden können.

Apropos, mit den Autos ist das auch so eine Sache. Ein Autokauf an sich wäre nicht so teuer wie der einer Wohnung, aber in Shanghai ist es verboten, ein privates Auto zu besitzen … Es gibt nur 2 Mio. Autos bei 25 Mio. Einwohnern.

Kurzzeitig darf ein Kennzeichen aus Papier verwendet werden, das aber maximal 3 Monate lang. Für Fahrer von Autos mit Kennzeichen aus anderen Städten ist die Fahrerlaubnis auf wenige Straßen beschränkt.

Zurück zu den Wolkenkratzern in Pudong.

Der nach 2008 höchste Turm, das ‚Shanghai World Financial Center‘ mit 492 m Höhe und  der charakteristischen Spitze in Form eines Flaschenöffners (so wird er auch von den Einwohnern genannt) ist nicht beliebt, da er von Japanern erbaut wurde. Die ursprünglich runde Öffnung sah mit der nächtlichen roten Beleuchtung aus wie die japanische Flagge. Also wurde die Öffnung auf ein Viereck umgebaut und blau beleuchtet.

Das war nicht genug, also errichtete man den Shanghai Tower, der mit 632 m den Flaschenöffner um ein ordentliches Stück überragt.

Expressaufzüge schießen uns zur Aussichtsplattform des Jin Mao Tower hoch.

Der Ausblick ist trotz Dunstschleier beeindruckend und das Schlimmste keineswegs, durch das Glas mit all seinen Spiegelungen fotografieren zu müssen, sondern die verzweifelte Drängelei zahlloser Chinesen im Selfiewahn.

Anschließend spazieren wir zum ersten Mal den berühmten Bund entlang.

Der Bund ist die Hafenpromenade in Autobahnbreite, bevölkert von Touristen wie Einwohnern, beliebte Location für Hochzeits-Shootings und Modeaufnahmen.

Tatsächlich stolpert man alle paar Meter über eine windzerzauste Braut und deren Hofstaat sowie den jeweiligen Fotografen und dessen Handlanger.

Für eine Hochzeit wird übrigens richtig Geld ausgegeben. Vom (geliehenen) Traumkleid über Styling und Schmuck für die Braut bis hin zur (geliehenen) Prunkkarosse und der Hochzeitsfeier in einem wirklich guten Restaurant mit traditionell generöser Bewirtung wird an nichts gespart (und lange dafür).

 

Was es mit Konfuzius und der beruflichen Karriere der Chinesen auf sich hat oder warum Chinesen den Buddhismus mit schöner Kleidung vergleichen, davon ist in der Fortsetzung kommende Woche die Rede …

HIER SCHREIBT

GABRIELA MAINX

Gabriela hat mit der Fotografie den Wandel vom oberflächlichen Schauen zum intensiven Sehen vollzogen. Denn wer sehen kann, kann auch fotografieren. Sehen lernen, das kann allerdings dauern, sagt Gabriela. Ihr ehrgeiziges Ziel als ambitionierte Freizeit-Fotografin formuliert Robert Bresson: Mach sichtbar, was vielleicht ohne dich nie wahrgenommen worden wäre.

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Zwölf gute Fotos in einem Jahr sind eine gute Ausbeute.

Ansel Adams

GABRIELA ON AIR